Allerlei rund ums Kind in Frankreich

Eigentlich finde ich es ja richtig, dass die Mademoiselle jetzt von offiziellen Formularen in Frankreich verschwindet (und stehe damit irgendwie erstaunlich alleine da). Aus dem Sprachgebrauch wird es deshalb wohl nicht so schnell verschwinden und das ist auch gut so, es hat ja schließlich schon was Charmantes. Dass mich mein erstes Madame etwas mitgenommen hat, habe ich hier schon mal erwähnt. Dieser unglückliche Zwischenfall ist schon ein paar Jahre her und es gab doch noch viele verjüngende Mademoiselles für mich seither. Spätestens seit der Babybauch deutlich war, ist das vorbei, mit dem Kleinen jetzt sowieso. Madame, Madame, Madame. Auf einmal wird auch automatisch angenommen, dass der Italiener mein Mann sei. Das (naja, und gestückelter Schlaf) sind aber auch die einzigen Nachteile, die der Lütte so mit sich gebracht hat.

Ein großer Vorteil: Der Italiener und ich hören den anderen jetzt mehr in der eigenen Sprache kommunizieren. Zum Lütten spricht jeder in seiner Muttersprache und damit lernt nicht nur das Kind, sondern auch wir beide. Essentielle Worte wie Spucktuch zum Beispiel. Untereinander sprechen wir zwar auch noch viel Französisch, aber das ist anscheinend für den dreifachen Spracherwerb des Kleinen kein großes Problem. Eine vergleichbare Konstellation und der Spracherwerb des dazugehörigen Kindes wird in diesem Blog von einer Linguistin beschrieben (auf französisch) – eine Französin, mit einem Türken liiert, in Deutschland. Es wird noch etwas dauern, bis ich so von den ersten Worten des Lütten berichten kann, umso mehr, da mehrsprachige Kinder generell wohl später anfangen, zu sprechen.

Eine andere Aufgabe hat unser kleiner Deutsch-Italiener heute morgen aber schon gemeistert: Da der kleine Mann nach dem Aufwachen morgens immer zuverlässig ein oder zwei Stunden wach ist, hab ich ihn schnell in den Kinderwagen gepackt und zum Passphoto-Machen gekarrt. Nicht so einfach, ein dreieinhalb Wochen altes Kind davon zu überzeugen, den Kopf gerade zu halten, den Mund zuzulassen und nicht die lustig bunten Bilderrahmen an der Wand rechts neben ihm anzugucken, sondern geradeaus das Vögelchen zu erwarten. Das olle Vögelchen hat hoffenlich keine Augenschäden hinterlassen, so oft wie er da angeblitzt wurde, bis endlich ein brauchbares Photo dabei raus kam… Schließlich haben wir es geschafft und wie es sich gehört, bekommt der Lütte jetzt ein Photo in seinen Pass, auf dem er fürchterlich schlecht getroffen ist. Ganz die Mama.

Fotogen

Dabei ist er doch eigentlich ganz fotogen, der Lütte.

(Schade, dass wir das Photo nicht einfach in den Pass kleben können. Aber das muss alles biometrisch korrekt sein, auch mit dreieinhalb Wochen.)

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Versuch’s mal…

… mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit…

Ja, versuch das mal in Frankreich – das wird nicht einfach! Also nicht, dass mein hippes Großstadtleben jetzt gar zu stressig wäre, um zur Ruhe zu kommen und meine Alltagssorgen über Bord zu werfen. Der erste Schritt in den Feierabend ist dieser Tage eigentlich ganz leicht getan: Ich nehme mir eines der hiesigen Leihfahrräder und entgehe so der engen, unwohlriechenden und neonbeleuchteten Metro auf dem Nachhauseweg. Laue Aprilsommerluft, die Straße führt weite Teile bergab. Den Smog beachte ich nicht weiter und freue mich stattdessen lieber, dass ich ja somit im Prinzip Sport treibe (hier ignorieren wir jetzt mal den bergab-Teil).

Wenn ich mich dann noch auf ein dreitägiges Wochenende (Karfreitag ist im katholischen Frankreich kein Feiertag) und meinen baldigen Arbeitsplatzwechsel freue – dann fehlt mir nur noch ein kaltes Getränk und gute Lektüre zur Ruhe und Gemütlichkeit. Frühling sei dank.

Das Problem mit der Gemütlichkeit ist in Frankreich also ein anderes. Ganz schlicht: Das Wort gibt es hier nicht. Ein Sessel kann zwar confortable sein, aber ein Abend oder eine Bar zum Beispiel können im Französischen nicht gemütlich sein. Nett kann die Bar sein, gesellig der Abend – aber das Konzept der Gemütlichkeit, das scheint typisch deutsch zu sein. Eines der Worte also, die mir besonders zu Anfang in der neuen Sprache schmerzlich fehlten. Die Franzosen freuen sich auch nicht unbedingt, zumindest dem Sprachgebrauch nach. Sie sind zufrieden oder finden Dinge cool und nett, über die wir uns freuen. Besonders die Vorfreude ist sprachlich nur schwer zu fassen und insofern als Idee weniger präsent in der französischen Denke.
Billig ist noch so ein Wort, das es einem schwer macht, seine Bedeutung im Französischen zu übermitteln. Günstig geht noch als bon marché durch- aber billig? Da nutzen die Franzosen dann schon mal ein englisches cheap. Umgekehrt geht das natürlich auch: das Déjà-Vu ist da nur ein Beispiel von Worten, die das Französische so schön geprägt hat, dass wir es gleich mal übernommen haben.
Manche seltenen Worte haben es umgekehrt auch in ihrer deutschen Form in die französische Sprache geschafft. Zumindest offiziell, denn ich habe die wenigsten davon hier tatsächlich schon mal gehört. Weltschmerz und Leitmotiv sind mir immerhin in universitärer Lektüre schon begegnet. Blitzkrieg ist den Franzosen auch heute noch ein Begriff, aber glücklicherweise wenig von Nutzen. Ersatz und kaputt sind mir hier als eingefranzösischte Worte noch nie untergekommen, auch wenn sie im Wörterbuch vermerkt sind. le kitsch hingegen wird schon geläufiger genutzt.

Gemütliche Frühlingsabende mache ich mir trotz sprachlicher Unzulänglichkeiten. Denn froh zu sein bedarf es wenig – und damit zitiere ich kein deutsches Liedgut, sondern übersetze Euch Balus Mantra:

Hier gibt es übrigens noch eine nette internationale Auswahl unübersetzbarer Worte.

De la politesse (I)

„Heute nachmittag kommt der Präsident.“

Als mir das meine liebe Kollegin vor ein paar Jahren, zu Anfang meiner Zeit hier, mitteilte, war ich eine Viertelsekunde lang versucht auszurufen „Waaaas, der Präsident kommt?!“. Monsieur le Président war für mich einfach der Präsident, damals Herr Chirac. Der kam natürlich nicht zu unserer kleinen, deutsch-französischen Association. Es kam einfach nur der Präsident eben jener Gesellschaft. Der Chef halt.

Ein paar Jahre zuvor hatte ich schon Ähnliches bemerkt und hätte eigentlich vorbereitet sein müssen. Ich unterrichtete ein paar Wochen lang deutsch an einem französischen Lycée im Süden Frankreichs. Und ich fand es sehr eindrücklich, wie nicht nur die Schüler, sondern auch alle Lehrer den Direktor respektvoll mit Bonjour Monsieur le Proviseur grüßten. Unser Direx war früher einfach nur Herr R. und bestimmt nicht Herr Direktor.

Diese Höflichkeitsformeln sind im Berufsleben Ausdruck oft genug sehr ernst genommener, hierarchischer Strukturen. Auch im öffentlichen Leben spielen sie eine wichtige Rolle – und sind zudem auch ganz praktisch. Da muss man nicht „Hey, Sie da!“ rufen, wenn eine Dame ihre Tasche in der Metro liegen lässt, sondern kann ihr ein elegantes Madame hinterherbrüllen.

Aber aufgepasst, denn sollte sie sich noch als Mademoiselle fühlen, kann es schon mal einen irritierten bis bösen Blick geben. Mittlerweile kann ich das auch gut verstehen, denn man gewöhnt sich schnell an diese Madame-Mademoiselle-Geschichte (trotz aller emanzipatorischer Überzeugungen…): Wäre ein deutsches Fräulein für mich Grund zur Aufregung („der nimmt mich doch nicht ernst“), so hat mir mein erstes Madame, das mir von ein paar sechzehnjährigen Gören respektvoll entgegengebracht wurde, doch einen kleinen Stich versetzt („ohje, ich werde alt“).

Immerhin meine Bank schickt mir meine Post noch an Mademoiselle Lisette. Ob die das aber noch aufgrund meines Alters machen, oder ob ich auch noch mit 80, weil ledig, für sie eine Mademoiselle bin – ich werde berichten.

Des petits noms

Der Italiener nennt mich logisch folgerichtig gerne mal Patata.

Ihr versteht schon, als Deutsche liegt die Assoziation mit einer Kartoffel natürlich nahe. Soll mir recht sein. Besser als Schaa-aaatz oder Hasi ist es allemal. Zaubermaus oder ähnliches, ja, was soll man dazu sagen. Nicht so schön.Diese Patata landete tatsächlich mal in meinem Kochtopf.

Diese Patata landete tatsächlich mal in meinem Kochtopf

Mit einer neuen Sprache erschließt sich auch ein ganz neues Kosenamenuniversum. Wer käme im Deutschen schon auf die Idee, seinen Liebsten „mein Kaninchen“ (mon lapin) zu nennen, bei aller Ähnlichkeit zum Hasi?

In dieser Hinsicht bin ich ganz froh, an einen Italiener geraten zu sein und nicht an einen Franzosen. Ich mag vielleicht nicht völlig objektiv sein, wenn ich behaupte, dass stellina (mein Sternchen) oder amoremio doch wirklich fabelhaft romantisch klingen. Aber spätestens der Vergleich mit mon chéri (nicht die Praline) und ma douce (mein Sanfte) zeigt doch: Das Französische mutet manchmal, wie sag ich es politisch korrekt, etwas schwuchtelig an. Das bestätigen übrigens auch Engländer, Spanier und Co. Mögen Französinnen noch sexy klingen – bei Franzmännern zieht der Akzent im Ausland nicht so richtig.

Aber mal ganz abgesehen von der Aussprache: Wer bitte möchte denn ma pupuce (mein Flofloh) oder mon canard (meine Ente) genannt werden? Meine Katze hatte früher mal Flöhe, das war kein Spaß. Ma bichette (mein Rehlein) und mon poussin (mein Küken) sind da schon schmeichelnder. Auch wenn ich persönlich jetzt nicht so auf niedliche Verkleinerungen stehe. Ganz schlimm, wie im Englischen, meiner Meinung nach: mon bébé.

Immer wieder schön hingegen ist der auch gern doppelt bemühte Kohl. Wir erinnern uns, darin werden die französischen Bébéjungs geboren und danach werden sie auch gern genannt: mon chou oder eben mon chouchou. Oder chabichou.

Das geht dann in die gleiche Richtung wie ma louloute – will nicht viel heißen, klingt aber nett.
Nun, zumindest im Franzosen-Ohr.

De la langue

Ausländer sein hat auch sein Gutes.

Zum Beispiel, wenn Besuch aus der Heimat kommt und man in der Metro / beim Kaffee / zu Hause auf der Couch ganz in Ruhe quatschen kann und sich ziemlich sicher sein darf, dass die Mitreisenden / der Zeitungsleser am Nachbartisch / der Italiener so gut wie nichts verstehen.

Oder wenn die letzte Tischdecke in der gewünschten Farbe nur noch einmal als Ausstellungsstück im Laden hängt. Kann man sich einfach runtergreifen, zur Kasse gehen und die Verkäuferin wird Mitleid (oder vielleicht auch keinen Bock) haben, das jetzt mit Händen und Füßen zu erklären und verkauft einem die Decke einfach.

Schön ist dann aber übrigens auch, wenn der Besuch genauso fließend wie man selbst französisch spricht und man zusammen die Augen über die Konversation am Kaffeenachbartisch rollen kann.

Ich gebe freimütig zu, dass ich die Schö-Nö-Kompro-Pa-Lö-Frongsäh-Karte in manchen Situationen schon mal ausspiele. Ist vielleicht gemein, das gebe ich auch zu. Liegt aber auch vielleicht daran, dass es mir am Anfang hier sprachlich nicht leicht gefallen ist. Rache ist Blutwurst…
Mit fünf Jahren Schulfranzösisch und ein paar Semestern Romanistik war ich zwar eigentlich ganz gut vorbereitet. Es war dennoch ein Schock, hier anzukommen und zum einen zu bemerken: Ich verstehe nichts von dem, was die da reden – das hängt doch alles an einem Faden. Damit hatte ich ja noch irgendwie gerechnet. Aber zum anderen im Bäcker zu stehen, und das Gegenüber versteht einfach nicht (will nicht verstehen?), was man von ihm möchte – das war unerwartet und bitter.
Noch fieser übrigens: Ich verstand nach ein paar Wochen schon besser und war stolz, meine ersten Kenntnisse an den Mann zu bringen – und man antwortete mir dreist auf Englisch, eine ganze Konversation zum Kauf einer Teekanne hindurch.

Ich fühlte mich anfangs hier, als hätte man mich meiner Persönlichkeit entledigt. Spontan und witzig sein ging schon mal gar nicht. Wenn an einem Gespräch mehr als drei Franzosen teilnahmen, konnte ich nur noch staunend zuhören. Und selbst im Zwiegespräch konnte ich nicht wirklich das ausdrücken, was ich wollte.

So richtig weiß ich auch gar nicht, wie es dann kam. Aber nach ein paar Monaten fing ich an, alles zu verstehen. Das Gehirn ist schon erstaunlich, habe ich doch hier nie bewusst, im Sinne von Vokabelheft- und Kärtchen o.ä., die Sprache gebüffelt. Aber irgendwann waren auf einmal meine Gedanken auf Französisch (was mich teilweise ganz fuchtig gemacht hat, denn das Denken ging so viel laaangsamer als auf Deutsch). Und dann, kurze Zeit drauf, war sie wieder da, die eigene Persönlichkeit.

Ein bisschen verändert vielleicht. Denn eine andere Sprache sprechen, heißt eben auch ein wenig anders denken und sich un peu anders zu verhalten. (Die Franzosen unterbrechen sich zum Beispiel schneller gegenseitig – kommt doch bei ihnen nie wie im Deutschen das Verb ans Ende eines Satzes. Der Sinn scheint so schneller erfasst und ihm kann schneller widersprochen werden.)

Ich mag mich aber immer noch, auch auf Französisch (ich gebe mir Mühe, niemandem vorschnell ins Wort zu fallen, auch wenn’s schwer fällt). Ein ganzes Wochenende lang Deutsch sprechen ist trotzdem schön. Und das nicht nur, weil man dann lästern und tricksen kann.

V wie Fiktor

Heute ist ein guter Tag.

Denn ich war endlich endlich bei der Blutabnahme, die ich schon seit Wochen vor mir herschiebe (es war nur zur Kontrolle, keine Eile also). Ich hab keine Angst vor dem Pieks und auch nicht vor Nadeln. Mein Körper – oder meine Psyche? – spielt mir aber dennoch gerne dabei einen Streich und schon falle ich in die Äpfel. Also, so würde das jetzt wörtlich ein Franzose sagen. Tomber dans les pommes – ohnmächtig werden.

Die Franzosen haben es generell mit Obst in ihren Sprichwörtern. Wer einen Kompromiss fndet, der schneidet die Birne entzwei. Wenn man bei Kompromissen generell über den Tisch gezogen wird, ist man stets die gute Birne und lässt sich fast alles gefallen. „Ich hab den Pfirsich“, sagt derjenige, der gute Laune hat.

Mein Lieblingssprichwort entspricht ungefähr unserem deutschen „seinen Senf dazugeben“. Nur hier ist es nicht der Senf, sondern eine Erdbeere. „Jetzt muss der schon wieder seine Erdbeere mitbringen“. Ich sehe vor meinem inneren Auge dann automatisch die betreffende Person mit einer riesigen Erdbeere in den Händen.(Heute mal wieder ein Retortenbild, wegen der Ökobilanz)

Auch gemüsetechnisch sind die Franzosen gerne dabei. Babyjungs werden hier zum Beispiel nicht vom Storch gebracht, sondern im Kohl geboren (die Mädchen in den Rosen).

Naja, manchmal sind sie eben etwas komisch, die Franzosen. Aber diese Obstsprüche gestalten wenigstens das Lernen ihrer Sprache noch ganz angenehm (selbst die Ohnmacht wird da gleich ein wenig sympathischer).

Der Italiener findet das mit dem Deutschlernen nicht immer so lustig und ich bin heilfroh, dass ich das nicht alles pauken muss. Ganz am Anfang seiner Übungsstunden las er mir das Telefon-Alphabet aus dem Kursbuch vor (A wie Anton usw). Beim V angekommen, ging das dann so: “ V wie Fiktor“ – „Nein, V wie Viktor.“ – „V wie Wiktor?“.

Sprachen sind eben etwas Wunderbares, manchmal im wahrsten Sinne des Wortes.
Und Tage wie heute, an denen man trotz Blutabnahme nicht in die Äpfel fällt, sind es auch.