Wütend

Heute war ich kurz davor, einem Wildfremden eine Ohrfeige zu verpassen. Und ich muss zugeben, ich habe es nur nicht gemacht, weil ich in der Millisekunde, in der meine Hand sich schon hob, dachte: Wenn er sich wegduckt und ich ihn nicht richtig erwische, mache ich mich ja nur zum Gespött. Und das in einer vollen Metro.

Als ich einstieg war noch ein Platz zwischen ein paar Jugendlichen frei, viele Leute standen. Die Jungs waren etwas lauter als gewöhnlich in den sonst so stillen Bahnen. Normale Fahrgäste halten die Hand vor den Mund, wenn sie am Handy sprechen (oder besser: flüstern). Die Bengel waren also lauter, wollten mich dazu anstiften, dem Bahnmusiker, der nach Kleingeld fragte, auch was zu geben und amüsierten sich köstlich. Jedenfalls hatte ich mich hingesetzt, weil ich a) sitzen wollte und b) versuche vorurteilsfrei zu sein. Die Jungs waren keine Franzosen sondern Roma, nehme ich an. Erst fühlte ich mich schlecht, nachdem ich kurz überprüft habe, ob mein Handy und mein Geldbeutel noch da sind, nachdem mein direkter Sitznachbar ungelenk an meine Tasche gestoßen war.

Meine Station kam, ich stand auf, wandte mich zum Gehen und da packt mir der Kerl neben mir doch glatt an den Hintern. Und zwar so richtig eklig zw*schen die Beine.

Als ich mich im Griff hatte, ihm keine zu scheuern, hab ich ihn laut angesprochen und ihm klar gemacht, dass das überhaupt nicht geht und er mich nicht angrapschen dürfte. Ich hätte eine Entschuldigung verlangen sollen, war aber zu wütend.

Wie reagiert man in so einer Situation? Zwei Minuten später habe ich gedacht, ich hätte ihm sagen sollen, dass er sich bei einem solchen Benehmen nicht wundern muss, wenn in Frankreich die Vorurteile gegen sein Volk hohe Wellen schlagen. Mir ist schon klar, dass Mutproben/Grabschen nichts mit Ethnie zu tun haben und das Ganze in die Kategorie „dummes Verhalten unter Halbstarken“ fällt. Dennoch habe ich mich bei dem Gedanken ertappt, dass man sich doppelt so gut benehmen muss, wenn man zu einer vorurteilsbehafteten Bevölkerungsgruppe gehört, um jeglichen Vorurteilen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ich versuche ja auch, mich nicht als dummes Blondchen zu verkaufen, obwohl es manchmal vielleicht einfacher wäre. Vergleichen kann man die Ausgangssituationen natürlich nicht.

Kann man von Jugendlichen verlangen, sich besser zu verhalten als das Mittel, weil sie Marokkaner/Schwarzafrikaner/Roma usw. sind und einen Ruf verbessern sollten, den sie gar nicht zu verantworten haben?

Vermischtes

Mein Leben plätschert gerade so vor sich hin.

Business as usual, es bietet also wenig Blog-Inspiration. Da kam mir ein Abend ganz allein zu Haus gerade recht. Der Italiener war im Kino und so hatte ich den lieben langen Feierabend Zeit, darüber nachzusinnen, welchen überaus geistreichen Artikel ich denn nun für meinen Blog verfassen würde (liebe alleinverziehend, falls Du mitliest, ich hoffe, Du hast das -en am „mein“ bemerkt).

Kurz war ich versucht, meine Empörung darüber auszudrücken, dass man, wenn man sich die Beiträge der deutschen Journaille vom Sonntag so ansieht, das Gefühl bekommt, ganz Deutschland denke seit zwei Jahren unentwegt über das Schicksal von Monica Lierhaus nach. In etwa wie damals beim Tode von Lady Di. Also, nicht dass man mich falsch versteht: die Genesung der Lierhaus ist sehr zu begrüßen, genauso wie es eine Tragödie war, dass eine junge Frau bei einem Autounfall ums Leben kommen musste. Aber jetzt mal ehrlich. Bei der Lierhaus musste ich erst mal googeln, um zu wissen, wer das überhaupt ist. Und Diana, die kannte ich doch vorher im Prinzip nur vom Galatitelblatt, verpixelt, auf irgendeiner Yacht in der Sonne liegend.
Huch, jetzt bin ich doch in Fahrt gekommen, wo ich doch eigentlich nur hierauf verlinken wollte. Als Hinweis darauf, dass Bloglektüre manchmal wirklich befreiend wirken kann.

Ich habe mich dann doch gegen dieses Thema entschieden, schließlich gibt es ja bereits diesen schönen Beitrag über die Lierhaussache und außerdem hatte ich ja leichtere Themen versprochen. Mir kam die Idee, darüber zu schreiben, wie sehr mir Horoskope widerstreben. So sehr, dass mir Menschen ein klein wenig suspekt und fast schon unsympathisch werden, die daran tatsächlich glauben. Die wollen mir allen ernstes erzählen, dass alle Menschen, die am gleichen Tag wie ich geboren sind (nein, sogar im gleichen Monat!!), die gleichen Charakterzüge haben wie ich. Da bleibt mir doch die Spucke weg. Und dann schauen sie immer so vielsagend, wenn ich zähneknirschend antworte: Widder, Aszendent Widder. Sicher, ja, ich bin total dickköpfig.
Mein Ex-Freund ist am gleichen Tag geboren wie ich. In fünf Jahren Beziehung haben wir uns ungefähr anderthalb Mal gestritten. Ganz leise. So viel dazu.

Aber mehr als dieser Absatz wollte mir auch zur Astrologie nicht einfallen. Und ein passendes Photo hätte ich dazu auch nicht gefunden. Erst recht nicht so eins wie dies hier, in gewohnt gelblich-unscharfer Bildqualität:

Das sind die Arme meines Vaters, beim Panieren der weihnachtlichen Putenschnitzel. Habe ich schon erwähnt, dass ich zwölf Jahre lang vegetarisch gelebt habe? Und warum ich mich dazu entschieden habe? Und weshalb ich jetzt wieder Fleich esse? Nein? Na, das wäre ja eine hervorragende Idee für einen durch und durch geistreichen Artikel.

Aber jetzt ist es schon bald ein Uhr morgens. Das nächste Mal vielleicht.

De la guerre

Der Zweite Weltkrieg ist ein heikles Thema.

Zumindest empfinde ich das manchmal als Deutsche in Frankreich so. Eigentlich ist das wahrscheinlich unbegründet, denn für meine Mitmenschen bin ich einfach Lisette oder bestimmt auch Lisette, die Deutsche, aber wohl kaum Lisette, die Enkelin der Kriegsgeneration, die hier einmarschiert ist. Und auch ganz allgemein gehen die Vorurteile gegenüber Deutschen meiner Erfahrung nach hier eher in die Richtung: zuverlässig, ordentlich und pünktlich (und nicht antisemitisch o.ä.). Nebenbei bemerkt sind diese Vorbehalte vielleicht nicht besonders sexy, aber immerhin hilft das so bei der Wohnungs- und Arbeitssuche.

Auf dem Land mag das vielleicht noch anders aussehen. 2004 unterrichtete ich ein paar Wochen lang Deutsch im Süden Frankreichs an einem Lycée. Mehrere meiner Schüler lernten unsere Sprache, ohne dass es der Großvater wissen durfte, da er sich dagegen ausgesprochen hatte. Und ich kann das verstehen. Oder sagen wir so: Ich möchte mir nicht anmaßen, darüber zu urteilen, wie jemand fühlt, der den Krieg erlebt hat. Denn mir blieb das ja zum Glück erspart.

Vor genau einem Jahr waren der Italiener und ich in Südostasien und reisten durch mehrere Länder dort – und haben eine ganz gegenteilige Erfahrung gemacht, die mich umso mehr beeindruckt hat. Irgendwann gegen Ende unserer Reise saßen wir in einem kleinen nordvietnamesischen Dorf neben der Grenze zu Laos fest, da dort Neujahr gefeiert wurde und der geplante Bus nicht fuhr. Das Dorf bestand aus einer Straße, einem heruntergekommenen Hotel und den wenigen Hütten (anders kann man das leider nicht nennen) der Einwohner. Internet oder Telefon nicht vorhanden.
Auf den Bergen ringsum klafften die Narben, die auch noch in Jahrzehnten zu sehen sein werden, da das dort niedergegangene Napalm die Erde vergiftet hat.
Abends gingen wir zu der Neujahrsfeier der Dorfbewohner und wurden mit großem Hurra empfangen. Sie ließen uns ihre Instrumente spielen, tanzten mit uns (und lachten uns dafür aus), schenkten uns Bonbons und flößten uns irgendeinen klaren Alkohol aus Colaflaschen ein. Für sie hätten wir natürlich genauso gut auch Amerikaner sein können. Von Vorbehalten oder gar Hass, den wir gut hätten nachvollziehen können, keine Spur.

Ein leider etwas dunkles Bild von jenem Abend.

Noch eine Anmerkung zu dieser Thematik: Es ist wichtig, der französischen Résistance, und dem Mut dieser Frauen und Männer und ihrer Opfer zu gedenken. Jede Gedenktafel, die dafür hier in den Straßen von Paris aufgehängt ist, muss dort sein. Aber wenn ich jetzt mal ganz ehrlich bin (wir sind ja schließlich unter uns): Als ich zum ersten Mal eine dieser Tafeln sah, die der deportierten, jüdischen Kinder gedachte und auf der zudem geschrieben stand, dass diese Kinder allein auf Initiative der französischen Miliz in die Lager geschafft wurden – ja, ich muss sagen, da spürte ich eine Art von Genugtuung. Nicht, um die Verantwortung, die ich als Deutsche für diesen Krieg empfinde (auch wenn selbst meine Eltern erst nach 45 geboren sind), abzustreiten. Sondern weil ich es teilweise als befremdlich empfinde, wie Frankreich mit seiner historischen Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg (Stichwort Vichy-Regime) umgeht – davon hört man nämlich nicht viel. Genauso befremdlich empfinde ich es übrigens, dass erst 1999 der Algerien-Krieg in Frankreich als solcher bezeichnet werden durfte.

Das nächste Mal melde ich mich wieder mit leichteren Themen, versprochen.

Dans la rue

Die Franzosen lieben die Straße.
(Das sieht jetzt nicht so schön aus – einen großartigen Artikel auf einem hinreißendem Blog über das heiß geliebte wie maßlos umstrittene Scharf-S und dessen Großschreibung könnt ihr hier lesen.

Also nochmal von vorn ohne Kapitälchen: Die Franzosen lieben die Straße.)

Vor allem, um ihrem Ärger Luft zu machen, dann versammeln sie sich dort zu Tausenden. Ein bisschen neidisch kann man da schon werden. Als an meiner ehemaligen Universität die Studiengebühren eingeführt werden sollten, gingen wir auch auf die Straße. In der traditionellen Studentenstadt leben zu diesem Zeitpunkt rund 40.000 von ihnen. An jenem Sommertag fanden sich zum Protest rund 120 Studierende ein… Und das sind nebenbei bemerkt um einiges weniger Studenten als es Bewerber auf so manches Seminar gab, das normalerweise für maximal 30 Studierende ausgerichtet ist (das Bild langer Schlangen vor den Büros zur Seminar-Anmeldung blieb übrigens auch nach Einführung der Gebühren das gleiche).

Hier in Paris sieht das ganz anders aus. Gestern zum Beispiel, da hörten wir das Hupen und Skandieren bis rauf in unseren 7. Stock. Der Anlass war diesmal ein freudiger – Ben Ali hat sein Land verlassen. Als pflichtbewusste Bloggerin steckte ich die Kamera ein und machte mich auf zur nahegelegenen Place de la République (na gut, der gerade begonnene Winterschlussverkauf könnte auch eine motivierende Rolle gespielt haben, das Haus zu verlassen). Vergessen hatte ich dabei, dass ich mich immer noch von der hiesigen, grimmig dreinschauenden Polizei und ihren Schlagstöcken und vor allem von großen Menschenmassen einschüchtern lasse. Das mit den Photos ist also leider nichts geworden (das mit dem WSS schon eher, ich bin eine schlechte Bloggerin).

Ich würde mir wünschen, dass der 2010 neu entdeckte, deutsche „Wutbürger“ sich ein wenig seinen linksrheinischen Nachbarn zum Vorbild nimmt – und sich vielleicht nicht nur gegen Bahnhöfe, sondern auch ganz andere politische Unbill zur Wehr setzt. Jens Bertrams, ein wunderbarer Blogger, der das viel besser analysieren kann als ich, hat das hier von einiger Zeit getan.
Sicher, es ist nervig, wenn in einem Jahr die Metro zum x-ten Mal streikt. Oder die Müllabfuhr und die Flugsicherung. Und manchmal ist es auch für Nicht-Franzosen nicht ganz nachvollziehbar. Rente mit 62 – ja, das wäre schön!, möchte man da als Deutsche ausrufen. Für die Vertreter von liberté, égalité et fraternité bleibt die Erhöhung des Rentenalters ein rotes Tuch, die Proteste haben vor allem die benzinlosen Autofahrer wochenlang zu spüren bekommen (eine kleine Anmerkung am Rande: Autos haben wir hier keine brennen sehen und von chaotischen Zuständen kann auch nicht die Rede sein).

Aber dennoch: es darf einfach nicht angehen, dass eine Partei ein Video veröffentlicht, das neben einer eher peinlichen Botschaft gegen den politischen Gegner auch die Unverschämtheit besitzt, sich ganz öffentlich über solche lustig zu machen, die ihre Meinung auf der Straße kundtun.
Wenn dann noch der Verantwortliche dieses Videos, ganz der Marketing-Fachmann, stolz darauf ist, dass sein Machwerk soundsooft geklickt wurde, dann stimmt da doch etwas nicht mit der deutschen Politik. Und mit dem Wutbürger vielleicht auch nicht.

Das ist übrigens das einzige, traurige Bild, das ich gestern abseits des großen Trubels aufgenommen habe.