500 Meter

Spätestens seit dem letzten Besuch in der Heimat habe ich Sehnsucht nach dem Landleben. Platz und Natur und gute Luft und Sterne. Achja.

Gerade aber, um zwanzig vor sechs, habe ich noch einen Energieschub bekommen und bin raus, Erledigungen machen. Ich war beim Bäcker, der Apotheke, im Bioladen, dem Schneider, bei der Post und im Ein-Euro-Fünfzig-Laden (das mit dem 0,50 muss die Krise sein). Um Baguette, Zink-Creme, Kürbis und Sonnenblumenöl, Eiswürfelformen und Gefrierbeutel reicher, um eine zu reparierende Jacke und einen Brief, der nicht einfach zu schreiben war, leichter. Wir haben zwar keine Sterne hier, aber verdammt viel Infrastruktur auf 500 Metern.

Herbst in Paris III

Oder: Vom Glück im Park

Herbstsonne

Ein großer Fan von Parks war ich eigentlich nie. Eingezäunte Grünflächen, Stiefmütterchenbeete und Straßenlärm. Die Buttes Chaumont haben mich eines besseren belehrt: Fast täglich machen Samuel und ich uns auf den Weg dorthin. Keine 10 Minuten nachdem wir das Haus verlassen, sind wir am oberen Ende des Parks. Nach fünf Minuten, die ich Samuel unter riesigen, alten Bäumen herschiebe, öffnet sich der Blick auf den Rest des Parks und die Stadt. Ich kann aufatmen, es riecht nach Herbst. Hoffentlich fällt Samuel nicht mal eine Kastanie auf den Kopf , denn das Verdeck des Kinderwagens muss runter: Er liebt es, in die Blätter zu gucken!

Mützi

Im Moment ziehen uns die kleinen, ruhigeren Wege an oder auch mal eins der drei Cafés, die es im Park gibt. Eins davon, Rosa Bonheur, hat echten Biergartencharme und lockt Leute aus ganz Paris an. Tagsüber, wenn es fast leer ist, halte ich dort auch gerne mal an – abends ist die Schlange der Wartenden viel viel viel zu lang. Als es noch wärmer war, haben wir uns auch oft auf eine Wiese unter einen Baum gelegt. Samuel guckte vergnügt den Blättern beim Wackeln zu, ich konnte ein Buch lesen. Nächstes Jahr im Sommer werden vielleicht schon die Spielplätze interessant.

Sonnenfleck

Trauerweide

Picknicker finden sich im französischen Park fast immer, sobald ein paar Sonnenstrahlen da sind. Auch wir waren dieses Jahr oft dabei, allerdings kindbedingt im Schatten. Das letzte Mal verkrochen wir uns unter eine große Trauerweide.

Pavillon

Am Fuß des Hügels, auf den der Park gepflanzt ist, liegt ein See mit Enten und Wildgänsen. Sogar ein Wasserfall in einer Tropfsteinhöhle ist vorhanden. Zugegeben, natürlich ist der nicht, aber trotzdem schön. Oben auf der Insel im See thront ein Pavillon, über zwei Brücken erreichbar (hier leider etwas überblendet, ist aber ohnehin ein bisl kitschig).

Grünbunt

Im Bild einer meiner Lieblingsorte, man sieht nur Bäume, wohin man auch guckt. Hinten links im Bild übrigens ein riesiger Busch, der von einen Tag auf den anderen komplett weiß war, Blätter wie Äste. Gesund kann das nicht sein? Einen richtigen Wald kann so ein Park zwar nicht ersetzen. Die Vielfalt der Bäume und Sträucher entschädigt jedoch.

Herbst in Paris II

Oder: Französisch Brunchen

Ardoise

Keine fünf Minuten zu Fuß entfernt ist ein kleiner Park, mit gewundenen Wegen, Spielplätzen und vor allem Aussicht. Ganz Paris kann man überblicken, inklusive Eiffelturm (den Blick gab’s hier vor einem Jahr schon mal). Noch besser als der Park selbst ist jedoch das Café daneben, La Mer à boire. Innen ist es schon ganz nett. Bunt mit Brettspielen zum Leihen, öfter mal Livemusik, Cartoonausstellungen an den Wänden. Die wahre Schönheit ist jedoch die große Terrasse. Der Blick ist einzigartig, es ist grün, ruhig und entspannt.

Terrasse mit Blick

Besonders Sonntagvormittage vertrödeln der Italiener und ich dort gerne, denn dann gibt es Brunch. Französisches Brunch zumindest. Denn aus Deutschland kenn ich das ausschließlich in Buffetform und war daher etwas erstaunt, als man mir das erste Mal den Teller brachte mit: Baguette, etwas Marmelade, Salat, panierter Käse, roher Lachs, normaler Käse, Schinken, Spiegelei, Fruchtsalätchen und Quarkspeise. Zugegeben, ein großer Teller. Und lecker! Aufstehen, Schlange stehen und ungelenk einen Teller festhalten während man Rührei drauflädt muss man auch nicht. Brunchbuffet hab ich in Frankreich auch sonst noch nirgends gesehen. Kommt sonst höchstens mal auf zwei Tellern nacheinander, süß und herzhaft. Mal wieder etwas, das die Franzosen eleganter gelöst haben als wir. Dem Wort nach müsste das Brunchkonzept ja aus dem englischsprachigen Bereich kommen. Jemand eine Ahnung, wie’s dort gehandhabt wird?

Richtig herbstlich sehen die Bäume auf den Photos zwar noch nicht aus, es fühlte sich aber schon herbstlich. Lag vielleicht auch an der ersten Erkältung von Samuel, die wir uns hier seitdem im Kreis reichen.

Herbst in Paris I

Oder: Geschenkter Wein und heißer Tee

 
Weg zwischen noch mehr Gräbern

Der Italiener schlägt ja schon mal vor, später mal, im Alter sozusagen, Richtung Süden zu ziehen. Südfrankfreich, Spanien oder so. Ein Grund für mich, da nur mit dem Kopf zu schütteln: der Herbst. Sie sind ja alle toll, unsere Jahreszeiten. Schnee und Mützen, erste Knospen und Sonnenstrahlen, Hitze und Urlaub – ach, aber der Herbst! Mein geheimer Liebling. Das Licht! Die Blätter! Der erste heiße Tee.

Schon zum dritten Mal waren wir in diesem Herbst auf der Weinlese des Restaurants, von dem hier die Rede war: Le Melac im 11. Arrondissement. Bis der Italiener und ich zusammenzogen, wohnten wir beide in diesem schönen, ganz untouristischen Viertel und waren häufig bei Melac zu Gast. Weine über Weine, rustikale Küche und Jacques Melac, ein Original mit Schnurrbart. An der Fassade des Restaurants rankt sich Wein, der jedes Jahr mit einem kleinen Straßenfest gefeiert und gepflückt wird.

Dieses Jahr war unser Weg etwas weiter, aber er führte uns über Paris‘ größte Grünfläche: Père Lachaise.

Gräber

Mehr Gräber

Bei Melac angekommen, waren die Bänke auf der Straße voll besetzt und wir trollten uns zu anderen Spätkommern auf den Boden. Unsere jahrelange Treue zahlte sich aus und die Kellner schenkten uns nicht nur eine Flasche Wein und für stillende Mamas Wasser, sondern brachten uns auch einen Tisch und Stühle.

Wein

Füße waschen

Drei Schönheiten waschen sich die Füße, nachdem sie vorher in den Zubern Trauben gestampft haben

Vom Innenraum des Restaurants gibt’s irgendwann später mal Photos – es war viel zu voll da drin. Nachdem uns und Freunden noch eine zweite Flasche Wein geschenkt wurde,  habe ich den Italiener fast huckepack nach Hause tragen müssen. Dort haben wir dann alle drei Nachmittagsschlaf zusammen gehalten und entschlossen, den Tag auf dem Sofa ausklingen zu lassen. Mit einer Tasse heißem Tee.