Ungefragter Rat

Wir haben es rechtzeitig geschafft und  Donnerstag bekommt der kleine Mann seinen ersten Pass ausgestellt und wir können unbesorgt am Sonntag seine erste Fernreise zu meinen Eltern in die Heimat antreten. Drei Stunden Zugfahrt, das sollte machbar sein.

Vielleicht werde ich dann merken, ob die Deutschen genauso viel Meinung zu Babys haben wie die Franzosen. Alle Naselang bekommt man hier ungefragt Rat von Fremden. Das Problem bei der Sache ist, dass hinter der Verkleidung „guter Tipp“ eigentlich nur Besserwisserei oder gar Vorwurf steckt. Heute im Park kräht der Kleine in seinem Kinderwagen, sofort merkt eine Passantin an, dass ihm zu kalt sei. Heute sei nämlich gar nicht so warm. Dass er unter eine Decke lag, einen Body plus Hose, Söckchen, Strickjacke und Mützchen anhatte, schien die Frau in ihrem Sommerkleid nicht weiter zu beeindrucken. Auch schön: der Lütte hat Hunger, wir sind zwei Metrostationen von zu Hause entfernt und er plärrt. Sein Kopf wird langsam rot vom Schreien, normal. Nein, der Herr nebenan weiß es besser und erklärt mir kopfschüttelnd, dass meinem Kind zu heiß sei, das sähe man doch, der wäre ja ganz rot. Auf meine Antwort, er habe nur Hunger, insistiert er: Nein, dem sei doch viel zu warm. Grrr….
Am besten hat mir jedoch bisher die Dame gefallen, die mir erklärte, dass mein vier Wochen altes Baby schon längst durchschlafen müsse, wenn es 5 1/2 Kilo wiege. Ab fünf Kilo müssen Babys nämlich durchschlafen, das hat ihr der Kinderarzt erklärt und es war dann auch so mit ihrer Tochter (die zu dem Zeitpunkt zwei Monate alt war und die Flasche bekam). Wie schön für sie.

Wissen auch in Deutschland alle immer alles besser? Ich muss noch lernen, das an mir abperlen zu lassen – und mich vor allem nicht in Frage zu stellen…

EDIT: Gestern mit der italienischen Nonna in der Metro unterwegs (und italienisch gesprochen). Das Kind schläft ganz ruhig und zufrieden in seiner Babytrage. Hält eine Dame in der Metro  nicht davon ab, mir tatsächlich auf italienisch zu erklären, dass Samuels Söckchen ja viel zu eng seien und ihm weh täten. Geht’s noch?!

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10 Gedanken zu „Ungefragter Rat

  1. Liebe Lisette,
    jawoll. Auch die Deutschen wissen alles besser und können beim Anblick von Säuglichen nicht umhin, der Mutter (oder auch dem Vater) gut gemeinte Ratschläge zu geben.
    Herr P. war ein Schreikind, er plärrte also viel in den ersten Wochen. Und jede/r Passant meinte, das Kind müsse Hunger haben (hier liegt ein interessanter Unterschied im Détail zu deiner Beschreibung, die sich auf die Temperierung richtet ;-))
    Nun ja, und als ich Klein-Herrn P. im Wickeltuch herumgetragen habe, da war der Kleine eigentlich ganz still, so nah an Mamas Brust und Herz kein Wunder, aber da wurde ich besorgt befragt, ob mein Kind nicht ersticke…
    AAARRRGGHH …. könnte ich noch heute rufen, wenn ich zehn Jahre zurückdenke :-)
    Es hilft nur eins: Augen zu und durch und ab und zu eine blöde Antwort!

    • Schade, dass das wohl überall so ist… Das mit dem Ersticken ist ja ein super Kommentar (obwohl ich mich manchmal frage, wie Samuel da drin so Luft holt, wenn er den Kopf zwischen meinen Brü.sten verbirgt, aber es scheint ihm ja zu gelingen ;))

  2. also hier in schweden hab ich in den 8 monaten noch keinen „gut gemeinten ratschlag“ bekommen. da freuen sich die leute nur, wenn milo sie genau studiert. sehr angenehm.
    aber das mit der 5 kilo-grenze ist gut :)
    lg eni

  3. Einmal wurde mir geraten, dem Kind (im Bus!) einen Sonnenhut aufzusetzen. Einmal bemitleidete mich ein Mann, weil ich – mit Tragetuch unterwegs – ja offensichtlich keinen Kinderwagen hätte. Einmal war es auch meinem vor Hunger schreienden Kind angeblich nur viel zu warm.

    Das ergibt im Schnitt einen Ratschlag pro Baby. Damit kann man gut leben.

    Und sag bloss, Samuel schläft immer noch nicht durch?!

  4. Ich habe mit dem BabyChief zwar bisher noch nicht die Wohnung wieder verlassen, aber ich weiß ganz genau:
    Die Deutschen sind da genau so schlimm. Du wirst ihnen nicht auskommen… ;)

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