Küsschen, Küsschen

Zur Begrüßung gibt’s zwei Küsschen, so viel ist bekannt. Und auch ansonsten ist man unter Franzosen, zumindest im privaten Bereich, weitaus relaxter mit Körperkontakt als ich das von Deutschland kenne. Da wird man gedrückt, bekommt auch mal so einen dicken Kuss auf die Wange und wird überhaupt einfach öfter berührt (völlig unsexuell, um Missverständnissen oder falschen Erwartungen für den Rest dieses Posts vorzubeugen). Bei den deutschen Freunden fehlt mir das zwar nicht und käme mir in dem Ausmaß sogar merkwürdig vor. Aber hier gehört es dazu und ist auch gut so.

Manchmal, wenn man zu spät kommt und die kritische Masse noch nicht erreicht ist und man noch nicht einfach eine Kusshand in die Runde werfen darf, sondern trotzdem noch jeden Einzelnen abschlecken muss – ja, das kann schon mal nervig sein. Aber ich will mal nicht auf hohem Niveau klagen.

Wo das Ganze für mich etwas schwieriger ist, besonders jetzt durch den neuen Job, ist im professionellen Rahmen. Für mich ist es einfach ungewohnt, dass mir als Frau die bises, also die zwei in die Luft geschmatzten Wangenküsschen, aufgedrückt werden und Männer die Hand gereicht bekommen. Ungewohnt wäre ja nicht schlimm, aber teilweise gibt es dann doch den Händedruck, weil mein Gegenüber mich noch nicht kennt und zu hoch vorgesetzt ist, als dass die Küsschen angebracht wären. Unwillkürlich kommt es dann immer mal wieder zu dem Moment, wo der eine schon die Hand ausgestreckt hat, während der andere die Wange hinhält. Ein Gefühl wie in der Fußgängerzone, wenn der Entgegenkommende in die gleiche Richtung ausweichen will wie man selbst: links – rechts – links, ach verdammt.

Aber abgesehen davon, dass ich mich als Deutsche in diesem Bereich noch nicht reibungslos bewegen kann, weiß ich auch, ganz abstrakt, gar nicht wie ich das finden soll: Da gibt es also eine Konvention im Berufsleben, die mich als Frau anders behandelt als meine männlichen Kollegen. Nicht schlechter oder besser, aber anders.
Wenn Angela Merkel selten genug für eine Gala-Veranstaltung eine Garderobe wählt, die ihre weiblichen Vorzüge betont, dann empfinde ich das als erleichternd. Endlich zeigt diese Frau mal, dass sie eine ist, während sie im politischen Tagesgeschäft ja eher zum neutral-knallfarbenen Blazer greift. Aber vielleicht hat sie ja auch recht mit ihrem seriösen, stets gleichbleibendem Look (immerhin ist sie damit Kanzlerin geworden). Ihr Aussehen bleibt doch recht unbeachtet, solange nicht viel vom Dekolleté zu sehen ist.

Ganz abgesehen von modischen Fragen, bin ich mir weiterhin uneins: Sollten wir im Berufsleben unser Geschlecht ignorieren – sollte eine Frau also aufstehen, wenn ihr von einem Mann die Hand zur Begrüßung gereicht wird? Oder sollte sie sitzen bleiben, wie es sich für eine Dame geziemt? Oder ist das letztlich vollkommen schnuppe und was im Beruf zählt, ist die Leistung? Mache ich mir Gedanken um etwas, das ganz egal ist?
Ich habe kaum Erfahrungen in deutschen Büros sammeln können.

Der Punkt für mich ist: Spielen solche Details eine Rolle, wenn wir z.B. möchten, dass sich der Frauenanteil in den Chefetagen der Unternehmen (in Deutschland wie in Frankreich übrigens) ändert oder sind das nur Oberflächlichkeiten, die nichts weiter bedeuten?

Übrigens: Im Privatleben gibt’s auch unter Männern oft die bises – im Büro hingegen habe ich das noch nie gesehen.

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6 Gedanken zu „Küsschen, Küsschen

  1. Im Süden gibts davon übrigens vier, nicht zwei – und Eingeweihte behaupten immer wieder, in Paris wären es drei.

    Ich lebe seit sieben Jahren quasi ununterbrochen in diesem Land, und dennoch – ich bin damit nicht so ganz freund, mit dieser Küsserei. Eine Dame aus der Gemeinde anscheinend auch nicht, sie sagte mir: „heut gibts Bises, weil Ihre Hochzeit ist. Aber das soll keine Gewohnheit werden!“
    Ich streck oft die Hand aus, wenn mir die Wange entgegenkommt, gerade bei Älteren (Respektsgefälle, nicht erotische Spannung oder deren Fehlen ist der Grund!). Bei manchen weiß ich mittlerweile, wie sie das pflegen, und passe mich an.
    Zwischen Männern kenne ich es wirklich nur unter guten Freunden – oder wenn ein Afrikaner im Spiel ist. Da herrscht noch mal eine ganz andere Kultur.

  2. Liebe Lisette, interessante Beobachtungen.
    Insgesamt beschreibst du eine Situation, die ich hier häufig empfinde, wenn ich mich irgendwo zwischen dem „Du“ und dem „Sie“ bewege oder beruflich mit zwei Mitarbeitern eines Kunden gleichzeitig kommuniziere, von denen ich den einen Duze und den anderen Sieze. Das ist manchmal schon ein Geeier.
    Was geboten ist, was toleriert wird und was gar nicht geht, das wird in Frankreich wie auch Deutschland immer ein bisschen von der jeweiligen Firmenkultur abhängen.
    Ich finde, du machst das schon ganz gut: Beobachte und verhalte dich gemäß deiner Persönlichkeit, mit dem Maß an Anpassung, mit dem du dich wohlfühlst und dir treu bleibst. LG mayarosa

    • Mit Du und Sie in diesem Fall haben wir in Frankreich weniger das Problem; mehrere Personen sind immer „vous“. Und es gibt noch die schöne Zwischenform, die ich in Deutschland seit „Jakob und Adele“ nicht mehr gehört habe, die in „Vorname + Sie“ besteht.
      Im Zweifelsfall würde ich (auf deutsch) lieber einen Duzfreund mitsiezen, als einen anderen ungefragt zu duzen.

  3. Ach ja, die Küsserei. Wir Deutschschweizer haben die 3 x von den Westschweizern übernommen, und diese wiederum haben es wohl den Franzosen abgekupfert. Seit den 80er Jahren küsse ich 3 x, auf die Gefahr hin, dass ich bei meinen deutschen Freunden mal ins Leere schmatze.

    Für mich soll es ein Gefühl der Vertrautheit ausdrücken, wenn ich jemanden zur Begrüssung küsse, nicht einfach eine unbedachte Gewohnheit. Aber soll ich nun die liebe Nachbarin abschmatzen, wenn ich sie im Treppenhaus mit dem Wäschekorb treffe, oder nur dann, wenn es eine besondere Gelegenheit ist?

  4. das ist interessant. ich habe ein zeit lang in amerika gelebt und dort ist das gegenteil der fall. die körperliche intimszone „rührmichnichtan“ ist bedeutend größer, die menschen halten abstand. ein handshake ist vielerorts fast schon zu intim. meist sagt man nur mal eben „hi, howareyou..I´mfine…). berührt oder gar umarmt wird während des gesprächs kaum. auch das ist gewöhnungsbedürftig.
    andersrum würde ich mich auch schwer tun. ich könnte nur schwer ständig küsschen zu verteilen und annehmen.
    gibt es einen ungeschriebenen dresscode? erscheinen damen zur arbeit im kostüm? auch das fiele mir schwer…

  5. Damit hätte ich wahrscheinlich (besonders jetzt nach der Frankreicherfahrung) auch meine Probleme. Liegt vielleicht daran, jegliche Zweideutigkeit zwischen Mann und Frau unbedingt vermeiden zu wollen? Wer weiß.

    Dresscodes gibt es, aber das hängt ganz von der Branche ab, ich glaube, das ist mit Deutschland ganz gut vergleichbar. Allgemein ist Paris etwas schicker drauf. Ich kann mich glücklich schätzen, so zur Arbeit gehen zu können, wie ich möchte, ganz ohne Verkleidung (denn das wäre ein Kostüm für mich – ich besitze sowas gar nicht).

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