Frisch und versatil (1)

Beweglich, gewandt, vielfältig, vielseitig, wandlungsfähig, wendig.

Sagt leo.org zu dem englischen Wort versatile. Seit ich durch den neuen Job tatsächlich mal aktiv mein Englisch nutzen muss (und es nicht nur auf ungezählte, von mir konsumierte Serienfolgen und ab und an Filme verschwende), kommt mir dieses Wissen vielleicht noch entgegen. I think, our prospects need to be more versatile, klingt doch super. Ohja, wir halten Meetings auf Englisch, conference calls sogar. Seht ihr, wie wichtig ich bin? (Nebenbei bemerkt fühl ich mich tatsächlich ganz wohl in meinem neuen Job)

Falls Ihr noch mehr Argumente braucht um meine Wichtigkeit vollends zu erfassen – vielleicht überzeugt Euch ja die Tatsache, dass Juliane, ihres Zeichens Misanthropin wider Willen, mir einen Blog-Award hat zukommen lassen. Demnach bin ich ein Versatile Blogger.

Ich gestehe, dass ich noch nie ein Fan von Kettenbriefen jeglicher Art war, Awards inklusive. Aber nicht nur meine sprunghaft gestiegenen Statistikbalken haben mein Herz hüpfen lassen – ich freu mich auch einfach darüber, von Juliane bedacht zu werden, denn ich lese allzu gern bei ihr. Ihr Blog habe ich vor ein paar Wochen entdeckt und mich schwer dabei amüsiert, ihn bis zum ersten Eintrag rückwärts zu lesen (für Nachahmer: bei Blogs scheint es im Gegenteil zu Zeitschriften doch sinnvoller zu sein, vorn anzufangen – aber hinterher ist man ja immer klüger).

Normalerweise müsste ich jetzt 7 dunkle Geheimnisse von mir mitteilen und den Award dann an meine liebsten beweglichen, gewandten, vielfältigen, vielseitigen, wandlungsfähigen, wendigen Bloggerfreunde weitergeben – soweit die Awardregeln, wenn ich nicht irre.

Oben rechts findet der kundige Leser jedoch eine Liste mit Blogs, die da nicht zufällig gelandet sind, sondern, wie der Name schon sagt, gern gelesen werden. Die sind nämlich so versatil. Wenn sich einer dieser Blogger dazu berufen fühlt, den Award mitzunehmen, dann darf er dies gern tun.

7 dunkle Geheimnisse kann ich hier unmöglich mitteilen. Es lesen doch meine Eltern mit… Das ist jetzt ziemlich unversatil (aversatil?) von mir, schon klar.

Stattdessen orientiere ich mich also lieber an Podruga, die heute einige Fragen von Max Frischs Fragebogen beantwortete. Alles in allem auch ziemlich dunkel aber (fast) vollkommen ohne Frankreich-Kontext – aber hey, versatile Blogger verdienen ja wohl auch versatile Leser.

Here you go (ich kann auch anglophil, wie Du siehst, liebe Juliane):

1. Sind Sie sicher, daß Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?
Ich denke schon – potentiell könnten die Menschen auch in hundert Jahren (ich alter Optimist) so nett sein, dass sie meine Freunde wären, würde ich noch unter ihnen weilen. Früher oder später wird den Menschen aber wohl ein ähnliches Schicksal wie den Dinosauriern blühen – der Gedanke daran ist mir von meinem jetzigen Standpunkt aus doch sehr unangenehm: Flora und Fauna wäre vielleicht geholfen, wenn der Mensch nicht mehr ist. Aber da drängt sich mir schon die Frage auf, inwiefern ihre Existenz dann noch einen Sinn hätte, wenn niemand mehr da ist, der ihr einen solchen Sinn zusprechen könnte. Schon bei der ersten Frage dreht sich mir also der Kopf – ganz wie es der Kreislauf aus Leben und Tod wohl auch nach dem Verschwinden der Menschheit tun wird.

2. Warum? 
Verdammt. S. Frage 1 (erst lesen, dann schreiben, Lisette!)

3. Wieviele Kinder von Ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch Ihren Willen?
Keines

4. Wem wären Sie lieber nie begegnet?
Ich glaube, ich konnte wohl auch aus Begegnungen mit unangenehmen Menschen lernen – und sei es nur Geduld. Ok, der Zahnarzt, der mir gesagt hat, man müsse mir die Weisheitszähne entfernen – auf den hätte ich verzichten können.

5. Wissen Sie sich einer Person gegenüber, die nicht davon zu wissen braucht, Ihrerseits im Unrecht und hassen Sie eher sich selbst oder die Person dafür?
Nichts, das sich nicht meist erfolgreich verdrängen ließe – und Hass ist ein starkes Wort. Aber ich bin in dem Zusammenhang eher wütend auf mich selbst als auf andere.

6. Möchten Sie das absolute Gedächtnis?
Ich habe vor ein paar Monaten von einer Frau gelesen, die sich an jeden einzelnen Zeitpunkt ihres Lebens mit allen Details erinnern kann – sie wird von Medizinern untersucht, die sich davon Ergebnisse für die Demenzforschung erhoffen. Ich möchte definitiv nicht tauschen – Vergessen kann auch eine Gnade sein. Ein paar geschichtliche Daten und englische Vokabeln (!!) mehr würden aber nicht schaden.

7. Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Oder halten Sie keinen für unersetzbar?
Um den Tod mancher Diktatoren wäre ich definitiv nicht traurig, im Gegenteil (ich bin nicht Kanzlerin, ich darf so was sagen). Ob jedoch das jeweilige System oder der einzelne Diktator schuld am Leid vieler ist, ist dann eine andere Frage.

8. Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?
Wiedersehen impliziert ja wohl, dass es sich um eine Person handeln muss, die ich gekannt habe. Glücklicherweise habe ich noch nicht viele Bekannte verloren. Meinen Großvater würde ich gern wiedersehen, und wenn wir schon beim Wunschdenken sind, dann bitte auch vor seiner Altersdemenz. Vieles aus seinem Leben – das meiste eigentlich – weiß ich nur aus Erzählungen Dritter.

9. Wen hingegen nicht?
Da gibt es niemanden.

10. Hätten Sie lieber einer anderen Nation (Kultur) angehört und welcher?
Auch wenn ich jetzt schon eine Weile im Ausland lebe, bin ich froh, deutsch zu sein. Das Gewicht der Geschichte hat mir, hoffe ich, eine gewisse Zurückhaltung oder Bescheidenheit gelehrt. Paradox, jetzt ausgerechnet dies als Kulturmerkmal auszumachen, auf das es sich im Vergleich zu anderen Ländern lohnt, stolz zu sein. Aber es ist ein leiser, fast sachlicher Stolz. Als ich Sarkozys Antrittsrede 2007 gehört habe, wurde mir bewusst, wie unterschiedlich Frankreich und Deutschland dann doch sind. Ein deutscher Präsident, der innbrünstig ausruft: „Ich liebe Deutschland“ – nein, unvorstellbar. Mir liegt die Sachlichkeit. Objektiv gibt es natürlich tausendundein Gründe für diesen Kulturkreis, jene Nation oder überhaupt etwas ganz anders. Ganz klar eine Frage, auf die es sich zurückzukommen lohnt.

Das waren jetzt 10 von 25 von Podruga ausgewählten Fragen. Der zweite Streicht folgt in den kommenden Tagen.

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6 Gedanken zu „Frisch und versatil (1)

  1. Max Frisch? Ist der auch Blogger?
    *Scherz*

    Ich bin begeistert! Endlich mal nicht das Übliche „Ich esse am liebsten Pizza und trinke dazu supigerne Aperol Spritz“

  2. beim antworten haben es die fragen in sich. Das mit dem absoluten gedächtnis ist interessant, da werde ich auch noch hinterherlesen.
    ( und versatile ist eine schöne vokabel!)

    • Das haben sie wirklich!
      Der verlinkte Artikel ist, wenn ich mich richtig erinnere, nicht der, den ich vor ein paar Monaten gelesen habe – aber es wird wohl der gleiche Fall sein. Schon erstaunlich, unser Gehirn (oder besser: ihres)…

      • tauschen möchte ich mit der armen frau auch nicht. es hat schon seinen reiz, die tage im einzelnen füllen zu können wo unsereins nur fragt: wo sind die jahre nur geblieben… die frau wüsste für sich immer die antwort. (ich hab’s aber lieber etwas vernebelt…)

  3. Verstehe dich gut. Hab‘ es auch nicht so mit den Kettenbriefen. Gut und lieb reagiert :-)
    Die Frau mit dem Monstergedächtnis habe ich bei Quarks&Co gesehen. Unser Hirn ist schon ein Phänomen für sich, was es wahrnimmt, was es hingegen ignoriert, woran es sich erinnert und wie es Erinnerungen zurechtschneidet. Und wie verschieden wir Menschen dabei sind. Falls du magst, da habe ich mich bei meinen falschen Erinnerungen ertappt (kannst den Link auch löschen, wenn’s stört: http://mayarosasweblog.wordpress.com/2010/11/14/erinnerungen/
    Im Beitrag ist auch der Link zu Quarks&Co. Wegen der Frau hatte ich mich an den Beitrag erinnert ;-)

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