Versuch’s mal…

… mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit…

Ja, versuch das mal in Frankreich – das wird nicht einfach! Also nicht, dass mein hippes Großstadtleben jetzt gar zu stressig wäre, um zur Ruhe zu kommen und meine Alltagssorgen über Bord zu werfen. Der erste Schritt in den Feierabend ist dieser Tage eigentlich ganz leicht getan: Ich nehme mir eines der hiesigen Leihfahrräder und entgehe so der engen, unwohlriechenden und neonbeleuchteten Metro auf dem Nachhauseweg. Laue Aprilsommerluft, die Straße führt weite Teile bergab. Den Smog beachte ich nicht weiter und freue mich stattdessen lieber, dass ich ja somit im Prinzip Sport treibe (hier ignorieren wir jetzt mal den bergab-Teil).

Wenn ich mich dann noch auf ein dreitägiges Wochenende (Karfreitag ist im katholischen Frankreich kein Feiertag) und meinen baldigen Arbeitsplatzwechsel freue – dann fehlt mir nur noch ein kaltes Getränk und gute Lektüre zur Ruhe und Gemütlichkeit. Frühling sei dank.

Das Problem mit der Gemütlichkeit ist in Frankreich also ein anderes. Ganz schlicht: Das Wort gibt es hier nicht. Ein Sessel kann zwar confortable sein, aber ein Abend oder eine Bar zum Beispiel können im Französischen nicht gemütlich sein. Nett kann die Bar sein, gesellig der Abend – aber das Konzept der Gemütlichkeit, das scheint typisch deutsch zu sein. Eines der Worte also, die mir besonders zu Anfang in der neuen Sprache schmerzlich fehlten. Die Franzosen freuen sich auch nicht unbedingt, zumindest dem Sprachgebrauch nach. Sie sind zufrieden oder finden Dinge cool und nett, über die wir uns freuen. Besonders die Vorfreude ist sprachlich nur schwer zu fassen und insofern als Idee weniger präsent in der französischen Denke.
Billig ist noch so ein Wort, das es einem schwer macht, seine Bedeutung im Französischen zu übermitteln. Günstig geht noch als bon marché durch- aber billig? Da nutzen die Franzosen dann schon mal ein englisches cheap. Umgekehrt geht das natürlich auch: das Déjà-Vu ist da nur ein Beispiel von Worten, die das Französische so schön geprägt hat, dass wir es gleich mal übernommen haben.
Manche seltenen Worte haben es umgekehrt auch in ihrer deutschen Form in die französische Sprache geschafft. Zumindest offiziell, denn ich habe die wenigsten davon hier tatsächlich schon mal gehört. Weltschmerz und Leitmotiv sind mir immerhin in universitärer Lektüre schon begegnet. Blitzkrieg ist den Franzosen auch heute noch ein Begriff, aber glücklicherweise wenig von Nutzen. Ersatz und kaputt sind mir hier als eingefranzösischte Worte noch nie untergekommen, auch wenn sie im Wörterbuch vermerkt sind. le kitsch hingegen wird schon geläufiger genutzt.

Gemütliche Frühlingsabende mache ich mir trotz sprachlicher Unzulänglichkeiten. Denn froh zu sein bedarf es wenig – und damit zitiere ich kein deutsches Liedgut, sondern übersetze Euch Balus Mantra:

Hier gibt es übrigens noch eine nette internationale Auswahl unübersetzbarer Worte.

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9 Gedanken zu „Versuch’s mal…

    • Ich bin ein großer Dschungelbuchfan – es war mein erster Kinofilm, da muss ich so vier gewesen. Im Urlaub auf Norderney. Und danach ich weiß nicht wie oft auf Kassette!

  1. Mais si tu vas un peu plus vers l’Est, tu verras qu’on a hérité de quelques mots et dérivé quelques expressions comme : „ça ghet’s ?“ (oui, je sais, ça te faire rire) et aussi de belgicisme mais c’est une autre histoire. C’est probablement une histoire de proximité au fond.

    • Alsace ou Moselle?
      Du vrai Haut-Rhinois : „Passe-moi la Schlüech“ (i.e. le tuyau d’arrosage), et du vrai Strasbourgeois : „Es feu isch rouche“ (pardon pour l’accent !)

      Lisette, „Ersatz“ ist Muckefuck, Kaffee-Ersatz. Von daher wird das Wort m.W. dann gebraucht, wenn der Ersatz eigentlich keiner ist, sondern bestenfalls ein Notbehelf.
      Ich meine mich zu erinnern, daß der Kitsch ursprünglich sogar französische Wurzeln hat; beschwören kann ich es aber nicht. Ein Fall für „Karambolage“…

  2. Liebe Lisette, kam heute aus Paris zurück. Trinke Wein, den ich heute morgen in Saint Ouen gekauft habe, der mir gerade ein bisschen zu Kopf steigt. Habe die letzten Tage französisch radegebrochen. Oui oui.
    Zum Glück war ich von Menschen umgeben, die vielleicht das Wort „Gemütlichkeit“ nicht kennen, aber insgesamt eine Aura des savoir-vivre ausstrahlten. Wenn auch die Straße unserer Pariser Gastgeber verdammt laut war.
    Zu deutschen Worten, die im Ausland importiert wurden, habe ich mal geschrieben: http://mayarosasweblog.wordpress.com/2010/10/26/schone-neue-sprachwelt/
    Und ich habe mich gefragt – der Teufel hat’s gesehen – ob du und unsere deutsch-französischen Pariser Gastgeber euch kennt. Aber der deutsche Teil des Paares war abwesend und für den französischen reichte mein Französisch nicht aus… trop compliqué

    • Wer weiß – auch die Metropole Paris ist manchmal so viel kleiner als man denkt! Auf der anderen Seite habe ich gerade eine Weile überlegt und ich glaube, ich kenne gar kein deutsch-französisches Paar hier…
      Gerade als Du also in Paris warst, bin ich durch die Bourgogne getourt, das Landleben genießen. Bericht folgt in den nächsten Tagen.

  3. Pingback: Malade d’amour « Mayarosasweblog

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