De la politesse (II)

Pardon, pardon, pardon.

Jeden Tag entschuldige ich mich unglaublich oft. Nicht weil ich so tollpatschig bzw. so gut erzogen bin (auch wenn beides zutreffen mag). Sondern einfach, weil man das hier so macht. Vor allem im öffentlichen Nahverkehr. Man sagt nicht Bonjour, wenn man sich im Zug neben jemanden setzt. Man sagt Pardon. Ich sage nicht Merci, wenn jemand beiseite tritt, um mir den Weg zur Metrotür freizumachen. Ich sage Pardon. Man sagt nicht Espèce de connard Aïe, wenn man angerempelt wird. Man sagt Pardon.

Es ist also anzunehmen, der Umgangston in diesem Land sei unglaublich höflich und zuvorkommend. Stimmt auch irgendwie – obwohl ich mich manchmal schon frage, wie ernst diese ganzen Entschuldigungen wohl zu nehmen sind.

Es stimmt aber eben auch, dass die Franzosen und im besonderen die Pariser, wie soll ich sagen, oft richtige Zicken sind. Unglaublich anstrengend kann das sein.

Noch heute erzählte mir meine liebe Kollegin R., wie sie gestern im Restaurant Pommes Frites als Beilage bestellen wollte – eigentlich kein unüblicher Wunsch. Die Kellnerin erwiderte dann aber in spitzem abfälligen Ton „Wir sind hier ein Re-stau-rant, wie servieren keine Fritten“. Aha.
Wer sich gern über die Servicewüste Deutschland beschwert, dem empfehle ich ein paar Wochen in Frankreich. Positive Seite: Wo ich früher oft etwas schüchtern war, habe ich hier ganz gut gelernt, mich zu behaupten.

Eine ganze Zeit lang dachte ich, es bringt letztlich doch nichts, etwas lauter aufzutreten und sich zu beschweren. Gute 20 Minuten diskutierte ich zum Beispiel einmal mit einem Ladenbesitzer hier: Ich hatte dort 10 Tage zuvor eine Tasche für 25 Euro gekauft, die nach der kurzen Zeit an allen Ecken und Enden auseinanderfiel (Reißverschluss kaputt, Nähte offen usw.). Nachdem der Herr Geschäftsführer steif und fest auch nach all meinen Bemühungen weiterhin behauptete, dass ich dann wohl die Tasche misshandelt haben müsste, bin ich irgendwann wutentbrannt gegangen. Alles, was ich erreicht hätte, waren 5 Euro Rabatt auf den nächsten Einkauf. Umtausch, Rückerstattung? Pustekuchen! Die ganze Anstrengung also für nichts.

Mittlerweile bin ich ein Stück weiser – denn diese Mischung aus Wut und anschließend Gelöstheit, die sich nach der Diskussion bei mir einstellte, wäre für jeden Franzosen viel wertvoller als eine umgetauschte Tasche es je sein könnte.
Denn die Pariser wären doch aufgeschmissen, wenn es auf einmal keinen Grund mehr fürs Rumnörgeln, für spitze Bemerkungen und entnervte Gesichtsausdrücke gäbe. Eine Welt ohne Kunden mit Extrawünschen, langsamen Postbeamten oder arroganten Nachbarn wollen die sich doch gar nicht vorstellen. Wo sollten sie denn dann hin mit ihren ganzen Aggressionen im Großstadtstress? Etwa ins Wellnesscenter zum Entspannen oder Fitnessstudio zum Auspowern? Wer kann sich denn sowas heutzutage noch leisten?

Ein bisschen Rumstänkern kommt da einfach günstiger – und der Effekt ist der gleiche.

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Ein Gedanke zu „De la politesse (II)

  1. Es gibt so viele Dinge, die man nicht sagt, höchstens ganz laut denkt…
    manchmal glaube ich mich in Japan: immer den Schein wahren! Immer Solidarität heucheln, wo mit dir auch keiner solidarisch ist…
    Und ich habe mir eine Grenze gezogen. Bis zu einem gewissen Grad mach ich das Spiel mit. Aber wenn die Grenze überschritten wird, hau ich in die ***ke und springe auch mal mit beiden Füßen in den Fettnapf. Den Postler, den ich ZWEIMAL mit seinem Lieferwagen auf dem Behindertenparkplatz erwischt hab, den hab ich bei seinem Chef angeschwärzt, und komischerweise fährt seitdem jemand anders die Touren. Ich frag auch die Frührentner auf den Mutter-Kind-Parkplätzen, im wievielten Monat sie denn schwanger sind. Auch, aber nicht nur, weil ich weiß, wie schwer so ein MaxiCosi ist, wenn man den über den ganzen Parkplatz schleppen muß.
    Die meisten sind da echt merkbefreit, aber die sehen dann auch so aus, als kriegten sie ihr Geld vom Sozialamt. Vielleicht sollte ich woanders einkaufen, aber dafür reicht mein Gehalt nicht.

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