Des SDF

Es gibt in Paris sehr viele Bettler.

(Ich bin auf einem Dorf groß geworden.) Da sind die Roma und Sinti-Frauen, die oft mit ihren Kindern im Arm nach Geld fragen. Und, auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen: Menschen, die mit kleinen Kindern betteln, gebe ich aus Prinzip nichts. Das sieht für mich oft nach organisiertem Betteln aus und meiner Meinung nach gehören Kinder außerdem in den Kindergarten oder Park oder ins Kinderzimmer aber nicht auf den kalten Bürgersteig. Wahrscheinlich habe ich mit dieser Einschätzung die Tiefe des Problems nicht erkannt, und ich lasse mich gerne in den Kommentaren eines besseren belehren, aber es widerstrebt mir intuitiv, ihnen etwas zu geben.
Dazu kommt – und auf diese Reaktion bin ich nicht stolz – ich bin einmal so penetrant von einer dieser Frauen um Geld angebettelt worden, dass ich richtiggehend wütend wurde und die Dame nach zehn ruhigen „Nein, ich will Ihnen nichts geben“ fast angeschrien habe, sie solle mich endlich in Ruhe lassen (ich wartete 10 Minuten in der Schlange, um mir mit meinen letzten zwei Euro im Portemonnaie ein Metroticket zu kaufen und die ganze Zeit stand diese Frau mit Baby neben mir und leierte in einem fort: Madame, j’ai le bébé, Madame, mais j’ai le bébé…).

Eigentlich möchte ich gerne glauben, dass es sich niemand aussucht, zu betteln – aber manchmal beschleicht mich dennoch dieses Gefühl von „Wenn Du wirklich wolltest, dann müsstest Du das hier nicht tun“. Wenn da beispielsweise Punks in meinem Alter oder jünger sitzen und mich um ’nen Euro anhauen, gebe ich auch nichts. Hinter jedem Gesicht steckt natürlich eine ganz individuelle Geschichte und es hatte beileibe nicht jeder einen so komfortablen Start ins Leben wie ich mit Eltern, die mich immer, auch finanziell, in meinen Plänen unterstützt haben.
Aber in einer Großstadt mit Bettlern an jeder Ecke, bleibt mir nichts anderes übrig, als das ganze irgendwie zu rationalisieren.

Organisiertem, unseriösem Betteln komme ich nie nach – so gibt es beispielsweise diejenigen, die ausgedruckte und einlaminierte Kärtchen in der Metro verteilen auf denen geschrieben steht, warum sie nach Geld fragen. Das geht für mich nicht. Wer mir ein Gedicht vorträgt, oder es mir auf einem Zettel geschrieben überlassen will, wer Akkordeon spielt oder Geige kratzt, der hat da schon bessere Chancen. Nicht, weil die „wenigstens etwas für ihr Geld tun“. Sondern weil ich es als respektvoller empfinde. Wer in der Metro sein Sprüchlein aufsagt, warum er Geld möchte, der hat je nach Sympathiegrad auch gute Karten bei mir. Es sei denn, sie lallen dabei schon und können kaum noch gerade aus gehen. Sicher – in dieser Lebenssituation kann ich irgendwie nachvollziehen, nicht mehr nüchtern sein zu wollen. Aber jedem kann ich nicht geben und so fallen Alkos auch raus.

Während ich das hier so schreibe, merke ich, dass sich das ganz schön systematisch und durchdacht anhört. Ist es nicht – es ist einfach ein mehr oder weniger hilfloser Versuch, das Problem für mich handhabbar zu machen. Eine Freundin von mir half, als sie in Paris war, einmal die Woche beim Roten Kreuz. Sie fuhrt mit ein paar Kollegen jede Woche die gleiche Runde, um die Obdachlosen mit Tee, einem Buch oder einfach nur einem Gespräch zu beschenken. Ich sagte mir, als ich davon erfuhr: „Hey, das ist super, das willst Du auch machen“. Ich habe es bisher noch nicht gemacht. Teils mit Sicherheit aus Faulheit, teils aus Respekt und Angst.

Auf dem Nachhauseweg kam ich heute an einem Punk vorbei, der an der Straße saß und neben ihm lag, was ich erst für eine Welpe hielt. Beim genaueren Betrachten stellte ich fest, dass es ein angeleintes Kaninchen war. Logisch, wird ja auch Ostern, marketingtechnisch also echt clever…

(Der letzte Absatz war der Versuch eines Comic Relief, um dieses Thema, zu dem ich noch hundert ernste, zweifelnde, verzweifelte Absätze schreiben könnte zum Abschluss zu bringen).

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3 Gedanken zu „Des SDF

  1. Liebe Lisette,
    ich handhabe das, glaube ich, ganz ähnlich. Wer sich neben den EC-Automaten setzt, der kriegt nix. Wer plakativ auf den Mitleidsknopf drückt auch nicht. Ebenso ignoriere ich diejenigen, die aussehen, als ob eine Horde Kerle, Frauen mit oder ohne Kind irgendwo zum Betteln aussetzen und ihnen womöglich die Tageseinnamen am Abend wieder wegnehmen. Wer Musik macht oder mir die Tür aufhält oder mich eingermaßen ehrlich und normal anspricht, hat gute Chancen.
    Bei uns habe ich den Eindruck, als ob diese organisierten Bettler die einheimischen Schnorrer verdrängen, look here (unterer Teil des Posts): http://mayarosasweblog.wordpress.com/2011/03/17/was-untergeht/

  2. Berufsbedingt weiß ich, daß es in Frankreich tatsächlich viele Obdachlose gibt. Man fliegt hier einfach leichter aus der Wohnung als in Deutschland, und die Maschen des sozialen Netzes sind wesentlich weiter.
    Ich gebe aber auch aus Prinzip kein Geld. Ich kann jemandem ein Sandwich schenken und ein Getränk, und kann mich auch mit ihm hinsetzen und mit ihm essen und trinken. Und ihm zuhören. Das ist in meinen Augen sogar das wichtigste… Und wenn ich ihm eine Fahrkarte in den Nachbarort stifte, dann achte ich darauf, daß er die Karte auch entwertet und fährt. Weil mir das so geraten wurde; solche Karten kann man sonst ja auch wieder zu Geld machen…

    Es gibt tatsächlich viele, die nicht schlecht vom Betteln leben. Berufsbettler, man kommt sich schon fast vor wie bei Charles Dickens oder Victor Hugo. Die osteuropäischen Kinder gehören zu den Berufsbettlern und -taschendieben. Die nackten Füße sorgen für Mitleid, aber die Schuhe bewacht grad Maria oder Josef am Kathedralportal…

    Der Frau, die dich da so agressiv angesprochen hat, hätte ich laut und deutlich gesagt, „laissez-moi, ou j’appelle la police“. Denn es ist zwar erlaubt, still die Hand aufzuhalten, aber nicht, Passanten anzusprechen – das fällt, wie ich die Franzosen einschätze, unter irgendeinen Seitenartikel der Prostitutionsgesetze, aber die Hauptsache ist: die dürfen dich nicht ansprechen. Und gerade die Polizei der IDF ist da auch sehr flott vor Ort und nimmt die Leute mit. Das mögen die nicht, dann sind sie ja aktenkundig – und möglicherweise auf den nächsten Flug nach ukarest oder Sofia gebucht…

    Es mag hart klingen, was ich schreibe, gerade angesichts meines Kragens, aber: du hast recht. Man hilft den Menschen nicht mit achtlos hingegebenen Münzen, und den Berufsbettlern (die, wie Mayarosa richtig vermutet, oftmals zu großen Organisationen gehören) auch nicht.
    Für mich ist das Kriterium: wer bereit ist, sein Brot an meinem Tisch zu essen (Café-Tisch, meinetwegen) und mit mir zu reden, dem hilft es auch. Wer dagegen nur Geld will, der braucht es nicht.

    • Mir fehlt oft der Mut, die Leute tatsächlich anzusprechen und sie zu fragen, was sie zum Beispiel an Lebensmitteln benötigen. Vielleicht springe ich demnächst mal über meinen Schatten und versuche das.
      Eine schnelle Münze ist natürlich viel einfacher und beruhigt zusätzlich noch das Gewissen, wie praktisch. Aber so richtig gut kann ich mich damit eben auch nicht fühlen. Danke für Deinen Kommentar!

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