De la politesse (I)

„Heute nachmittag kommt der Präsident.“

Als mir das meine liebe Kollegin vor ein paar Jahren, zu Anfang meiner Zeit hier, mitteilte, war ich eine Viertelsekunde lang versucht auszurufen „Waaaas, der Präsident kommt?!“. Monsieur le Président war für mich einfach der Präsident, damals Herr Chirac. Der kam natürlich nicht zu unserer kleinen, deutsch-französischen Association. Es kam einfach nur der Präsident eben jener Gesellschaft. Der Chef halt.

Ein paar Jahre zuvor hatte ich schon Ähnliches bemerkt und hätte eigentlich vorbereitet sein müssen. Ich unterrichtete ein paar Wochen lang deutsch an einem französischen Lycée im Süden Frankreichs. Und ich fand es sehr eindrücklich, wie nicht nur die Schüler, sondern auch alle Lehrer den Direktor respektvoll mit Bonjour Monsieur le Proviseur grüßten. Unser Direx war früher einfach nur Herr R. und bestimmt nicht Herr Direktor.

Diese Höflichkeitsformeln sind im Berufsleben Ausdruck oft genug sehr ernst genommener, hierarchischer Strukturen. Auch im öffentlichen Leben spielen sie eine wichtige Rolle – und sind zudem auch ganz praktisch. Da muss man nicht „Hey, Sie da!“ rufen, wenn eine Dame ihre Tasche in der Metro liegen lässt, sondern kann ihr ein elegantes Madame hinterherbrüllen.

Aber aufgepasst, denn sollte sie sich noch als Mademoiselle fühlen, kann es schon mal einen irritierten bis bösen Blick geben. Mittlerweile kann ich das auch gut verstehen, denn man gewöhnt sich schnell an diese Madame-Mademoiselle-Geschichte (trotz aller emanzipatorischer Überzeugungen…): Wäre ein deutsches Fräulein für mich Grund zur Aufregung („der nimmt mich doch nicht ernst“), so hat mir mein erstes Madame, das mir von ein paar sechzehnjährigen Gören respektvoll entgegengebracht wurde, doch einen kleinen Stich versetzt („ohje, ich werde alt“).

Immerhin meine Bank schickt mir meine Post noch an Mademoiselle Lisette. Ob die das aber noch aufgrund meines Alters machen, oder ob ich auch noch mit 80, weil ledig, für sie eine Mademoiselle bin – ich werde berichten.

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4 Gedanken zu „De la politesse (I)

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