De l’attente

Ich warte seit Tagen.

Und ich bin nicht gut im Warten. In dieser Hinsicht sind die Franzosen und ich sehr inkompatibel. Denn Franzosen lassen einen gern mal warten.

Mein derzeitiges Warten ist ein Warten auf professionelle Neuigkeiten, die mir für Montag versprochen waren. Und da bin ich wohl eine Spur zu deutsch. Denn wer mir Montag sagt, der kann damit rechnen, dass ich ab Dienstag früh ungeduldig werde. Grah.

Die italienische Freundin R. wartet auch seit Tagen, sie allerdings auf eine amouröse Antwort-SMS. Man mag als Fürsprecher der Franzosen in diesem Fall dann vielleicht nicht alle hiesigen Landsmänner über einen Kamm scheren, sondern kurzerhand einfach alle Männer (begründet in ihrer angeblich fehlenden Affinität zur Kommunikation). Ich wiederum sage ihr: Das ist doch wieder ty-y-ypisch französisch…

Der Italiener wiederum wartet seit Jahr und Tag auf seine Krankenversicherungskarte, die so genannte Carte Vitale. Er fragte mich bereits mehrmals, wie ich es zu Beginn meiner Zeit in Frankreich geschafft habe, eine solche Karte zu erhalten. Ich scheine große Teile dieser Prozedur verdrängt zu haben, denn eine Antwort habe ich nicht für ihn. Ich erinnere mich allerdings daran, dass am Ende eines mehrmonatigen Papierk(r)ampfes ein Brief bei mir ankam, darauf stand: Obtenir votre nouvelle Carte Vitale, c’est simple! Übersetzt: Ihre neue (!!) Krankenversicherungskarte zu erhalten, das ist ganz einfach! Bei aller Liebe zur Warterei kann man den Franzleuten also keinesfalls einen gesunden Hang zum Sarkasmus absprechen.

Wer selber einmal französisch warten möchte, der sollte einfach beim nächsten Urlaub hier in einen Supermarkt gehen. Und dann aber bitte nicht mit Urlaubsattitüde, sondern vielmehr im gestressten Feierabendmodus. Denn Kassierer hier sind langsam. Endlos langsam. Man kann ihnen nicht vorwerfen, sie nähmen ihren Job nicht ernst. Ganz im Gegenteil: Sie scheinen jedes Produkt mit Liebe einzuscannen. Und haben die Höflichkeit zu warten, bis das Ömchen vor Dir seinen Wochenendeinkauf verstaut hat, bevor sie Deine Wasserflasche mit dem Scanner streicheln. Ich vermisse Aldi-Kassierer.

Allerdings, vor die Wahl gestellt, wo ich lieber arbeiten möchte – da wäre mir der hiesige Franprix doch wohl lieber als der heimische Aldi. Denn warum sollte ich mich stressen, nur damit die Kundin drei Minuten früher zu Hause ist?! Manchmal kann ich mir also vielleicht noch was abgucken von den Franzosen. Geduld, zum Beispiel.

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3 Gedanken zu „De l’attente

  1. Liebe Liesette,
    da sprichst du mir aber aus dem Herzen. Warten kann ich auch nicht gut. Die Geduld wurde bei mir vergessen … Das führt dazu, dass ich zum Beispiel lieber eine halbe Stunde und länger durch die Nacht nach Hause laufe, als 20 Minuten oder länger auf die nächste U-Bahn zu warten.
    Und schön, wie du die andere Seite beleuchtest, die Kassiererinnenperspektive.
    Zur Warterei habe ich auch mal Dichtversuche unternommen: http://mayarosasweblog.wordpress.com/2010/05/20/meine-zeit-wird-kommen/

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