De la langue

Ausländer sein hat auch sein Gutes.

Zum Beispiel, wenn Besuch aus der Heimat kommt und man in der Metro / beim Kaffee / zu Hause auf der Couch ganz in Ruhe quatschen kann und sich ziemlich sicher sein darf, dass die Mitreisenden / der Zeitungsleser am Nachbartisch / der Italiener so gut wie nichts verstehen.

Oder wenn die letzte Tischdecke in der gewünschten Farbe nur noch einmal als Ausstellungsstück im Laden hängt. Kann man sich einfach runtergreifen, zur Kasse gehen und die Verkäuferin wird Mitleid (oder vielleicht auch keinen Bock) haben, das jetzt mit Händen und Füßen zu erklären und verkauft einem die Decke einfach.

Schön ist dann aber übrigens auch, wenn der Besuch genauso fließend wie man selbst französisch spricht und man zusammen die Augen über die Konversation am Kaffeenachbartisch rollen kann.

Ich gebe freimütig zu, dass ich die Schö-Nö-Kompro-Pa-Lö-Frongsäh-Karte in manchen Situationen schon mal ausspiele. Ist vielleicht gemein, das gebe ich auch zu. Liegt aber auch vielleicht daran, dass es mir am Anfang hier sprachlich nicht leicht gefallen ist. Rache ist Blutwurst…
Mit fünf Jahren Schulfranzösisch und ein paar Semestern Romanistik war ich zwar eigentlich ganz gut vorbereitet. Es war dennoch ein Schock, hier anzukommen und zum einen zu bemerken: Ich verstehe nichts von dem, was die da reden – das hängt doch alles an einem Faden. Damit hatte ich ja noch irgendwie gerechnet. Aber zum anderen im Bäcker zu stehen, und das Gegenüber versteht einfach nicht (will nicht verstehen?), was man von ihm möchte – das war unerwartet und bitter.
Noch fieser übrigens: Ich verstand nach ein paar Wochen schon besser und war stolz, meine ersten Kenntnisse an den Mann zu bringen – und man antwortete mir dreist auf Englisch, eine ganze Konversation zum Kauf einer Teekanne hindurch.

Ich fühlte mich anfangs hier, als hätte man mich meiner Persönlichkeit entledigt. Spontan und witzig sein ging schon mal gar nicht. Wenn an einem Gespräch mehr als drei Franzosen teilnahmen, konnte ich nur noch staunend zuhören. Und selbst im Zwiegespräch konnte ich nicht wirklich das ausdrücken, was ich wollte.

So richtig weiß ich auch gar nicht, wie es dann kam. Aber nach ein paar Monaten fing ich an, alles zu verstehen. Das Gehirn ist schon erstaunlich, habe ich doch hier nie bewusst, im Sinne von Vokabelheft- und Kärtchen o.ä., die Sprache gebüffelt. Aber irgendwann waren auf einmal meine Gedanken auf Französisch (was mich teilweise ganz fuchtig gemacht hat, denn das Denken ging so viel laaangsamer als auf Deutsch). Und dann, kurze Zeit drauf, war sie wieder da, die eigene Persönlichkeit.

Ein bisschen verändert vielleicht. Denn eine andere Sprache sprechen, heißt eben auch ein wenig anders denken und sich un peu anders zu verhalten. (Die Franzosen unterbrechen sich zum Beispiel schneller gegenseitig – kommt doch bei ihnen nie wie im Deutschen das Verb ans Ende eines Satzes. Der Sinn scheint so schneller erfasst und ihm kann schneller widersprochen werden.)

Ich mag mich aber immer noch, auch auf Französisch (ich gebe mir Mühe, niemandem vorschnell ins Wort zu fallen, auch wenn’s schwer fällt). Ein ganzes Wochenende lang Deutsch sprechen ist trotzdem schön. Und das nicht nur, weil man dann lästern und tricksen kann.

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13 Gedanken zu „De la langue

  1. Oh ja, das kenne ich. Ich fühle mich in einer Fremdsprache auch erst dann wohl, wenn ich Witze machen kann und mich nicht immer ständig mit der banalsten Formulierung zufrieden geben muss. Im Französischen habe ich es malheureusement nie soweit gebracht.

  2. Wie jetzt – Denken auf Französisch geht langsamer, wo das doch DIE Schnellzugsprache ist? ;-) Da komm ich nicht mehr mit (genau wie im Französisch…)

  3. wie immer so schön und anschaulich beschrieben. ich kann nicht wirklich mitreden, weil ich kein wort französisch spreche.
    in amerika erging es mir aber ähnlich. nach ein paar wochen kommt das verstehen, täglich wird es mehr und schließlich rollt es.
    mein deutsch hat sich in der Zeit allerdings verändert, es wurde schlichter.

    • Vielen Dank für die Blumen.
      Mein Deutsch litt auch eine Weile, seither habe ich jedoch meinen Job gewechselt und arbeite auf Deutsch. Das, und natürlich der Blog, hilft.

  4. :-) Mir gefällt besonders die Stelle „das hängt doch alles an einem Faden.“ – ich finde, das zeichnet das Französische aus, dass man beim Zuhören nie so genau weiß, wo ein Wort anfängt oder aufhört. Mein Französisch ist mangels Gebrauch in einen Dornröschenschlaf gefallen. Bin gespannt, wie viel davon aufwacht, wenn ich im Frühling nach Frankreich fahre.

    • Das ist wohl der gefühlte Unterschied zwischen germanischen und romanischen Sprachen – den Franzosen, Spaniern usw. scheint es nämlich mit dem Deutschen genauso zu gehen (total unklar, wo das doch so deutlich verständlich ist!!).
      Frankreich im Frühling, das klingt nach einem guten Plan.

      • :-) die haben immer so Probleme mit den Waschmaschinenherstellergarantiescheinen oder ähnlichen Wörtern, gell. Wobei ja zumindest die Spanier zumindest auch gerne Wörter kleben, zum Beispiel: damela – gib sie mir.

  5. Das ist aber nach meiner Erfahrung eine Eigenart der Pariser. Ich mochte die Franzosen lange nicht, weil ich nur Paris und seine merkwürdigen Einwohner kannte. Dann traf ich den Prinzen, der überredete mich zu einem Südfrankreich-Urlaub und siehe da: nette, fröhliche Leute, die mein bisschen Französisch verstehen (wollen) und sich Mühe mit der Konversation machen. Und herzlich sind. Und jetzt mag ich die Franzosen :)

    Und die außerpariserischen Franzosen, habe ich gelernt, mögen die Parisfranzosen auch nicht.

    • Ja, zugegeben, die Pariser sind nicht unbedingt das entspannteste Völkchen…
      Übrigens mögen nicht nur unpariser Franzosen die Pariser nicht – auch die Pariser selbst mögen die Pariser nicht ;)

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