De la pudeur

Ich saune ganz gerne mal.

Die ersten Male, so mit 16 oder 17 waren noch etwas schüchtern, am Frauentag in Begleitung von zwei Schulfreundinnen. Den ganzen Tag verbrachten wir dort, eingehüllt in Bademäntel, quietschend im Kaltwasserbecken oder natürlich vollkommen nackig in den Saunahütten. Ein paar Jahre später dann etwas mutiger auch in der gemischten Sauna. Ich habe mich da auch nie unwohl gefühlt, in punkto Nacktsein. (Interessant ist es ja im Übrigen aber schon, in welch unterschiedlichen Formen sich der menschliche Körper so präsentiert…)

Gestern war ich nun hier im Hammam, meinen Spa-Gutschein, der unterm Weihnachtsbaume lag, einzulösen. Toll war das. Mindestens 3 Kilo Hautröllchen wurden mir abgeschrubbelt. Ein paar Stunden Urlaub, mitten in Paris. Noch toller wäre das ganze jedoch gewesen, hätte man ein kleines Detail weglassen dürfen: diesen Wegwerfstr.ing. Den bekam jede Dame – denn Männer haben dort generell nichts zu suchen – ausgehändigt, um sich zu bedecken. Von ästhetischen Gesichtspunkten mal ganz abgesehen (das Ding sah ein wenig aus wie eine umfunktionierte OP-Maske), das Teilchen rutscht und kneift und kratzt.

Meine französische Begleitung schaute mich etwas zögernd an, als ich bemerkte, dass ich das doch etwas übertrieben fände. Ein wenig Schamgefühl müsse man doch aber schon zeigen, bekam ich zur Antwort. Im Prinzip war es ja auch schon ein Zugeständnis, keine vollständige Badebekleidung tragen zu müssen, wie es sonst hier in Saunen und türkischen Bädern meist verlangt wird.

Mir widerstrebt das. Ich fühle mich eingeengt beim Schwitzen in Polyester. Und viel hygienischer kann das auch nicht sein (für die obligatorische Badekappe in Schwimmbädern lasse ich das Argument ja noch gelten).

Aber bei aller Freizügigkeit, die man sonst so mit der Klischeefranzösin verbinden mag – nackt in die Sauna, das klingt in ihren Ohren fast schon obszön.

Auf der einen Seite bin ich bei dieser Art von Schamgefühl versucht, seufzend mit den Augen zu rollen: Da wird zuerst kokett in der Metro geflirtet und alle weiblichen Vorzüge fabelhaft mit Rock, Absatz und Lippenstift betont – aber im nicht gemischten Dampfbad muss dann ein Papierhö.schen getragen werden. Auf der anderen Seite denke ich, dass es vielleicht gerade diese Einstellung ist, die ihre nicht nur auf Äußerlichkeiten beschränkte Eleganz, die den Französinnen ja nachgesagt wird, ausmacht. Gang, Haltung, Blick, das alles strahlt bei ihnen, muss ich mir eingestehen, doch eine feinere und stolzere Weiblichkeit aus als bei vielen deutschen Frauen. Denn die, so scheint es mir, legen eher Wert darauf, wie praktisch ihr Körper ist und sind sich eben weniger dessen schöner Weiblichkeit bewusst.

Ein veranschaulichendes Beispiel ist dafür übrigens das typische Apothekenschaufenster der beiden Länder. In der Heimat begegnen mir da vor allem Präparate zur Behandlung von Blasenschwäche, Hinweise zur Grippe-Imfpung oder Zeckenzangenplakate. Hierzulande preist man dort eher Pflaster an, die das Laufen auf Absätzen gemütlicher machen. Oder eine Art Bügeleisen, das die Orangenhaut wegdampft. Oder, sehr beliebt, diverse Abnehmprodukte.

Ich freu mich weiterhin bei jedem winterlichen Heimatbesuch darauf, wenn ich dort ganz natürlich und frei in die Sauna gehen kann.

Ich würde mich allerdings auch darüber freuen, in deutschen Straßen weniger praktische Kurzhaarschnitte und Trekkingsandalen zu sehen…

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11 Gedanken zu „De la pudeur

  1. du bist infiziert ;-)
    enttäuscht bin ich auch, wenn ich nicht nackt in die sauna darf. all das geflirte ist nur koketterie. dazu passt das bedeckte in der endkonsequenz.

  2. Schön, wie du die feinen Unterschiede bemerkst und kommentierst :-)
    Wobei ich nicht dazu verdonnert werden möchte, in High Heels durch die Gegend zu stöckeln. Dann wäre es nämlich mit meiner weiblichen Eleganz ganz schnell vorbei ;-) – ich stehe gerne mit beiden Füßen sicher auf dem Boden, beim Tanzen ganz besonders. Dann kann ich auch mit dem Rest der mayarosa weiblich elegant kokettieren.

  3. Ich geb der podruga recht- alles nur Koketterie. Klar würde eine Französin sich niemals mit Pelz an den Beinen oder anderen Stellen zeigen, Dessous ist umsonst ein französisches Wort und die grossen Kosmetikfirmen kommen ja auch nicht von ungefähr aus Frankreich. Trotzdem würden sich die meisten (männlichen) Franzosen ein entspannteres Verhältnis der hiesigen Frauen zu ihrem Körper wünschen…Schon von einigen gehört und vom Lieblingsfranzosen oft bestätigt. Dazu passt auch meine Beobachtung, dass es viel mehr Franzosen gibt, die mit Ausländerinnen zusammen sind, als umgekehrt. Kann natürlich auch an den Vorzügen der französischen Männer liegen :)

    • Na, ich glaube, Du hast da ein ganz besonders Exemplar aufgetan. Denn meine Erfahrungen mit französischen Männern (zugegeben, rein quantitativ war das wahrscheinlich noch keine repräsentative Auswahl) lassen mich jetzt nicht gerade von ihren Vorzügen schwärmen…
      Aber mir ist noch nie aufgefallen, dass ich tatsächlich so einige Franzosen kenne, die mit Nicht-Französinnen zusammen sind – eine interessante Überlegung also!

  4. Hab gar nicht gewusst, dass die Franzosen auch so prüde wie die Amerikaner sind. Dort müssen schon Einjährige ein Bikini-Oberteil tragen.
    Im ehemaligen Osten übrigens geht man auch „mit“ in die Sauna. Das wirkt dann umso seltsamer, wenn diese Leute in einer westlichen Sauna unter lauter Nackedeien sind.

    • Ach, das wiederum wusste ich noch nicht, dass Menschen aus der ehemaligen DDR (um ein Wort zu vermeiden, das eben diese Menschen oft als abschätzig empfinden) nun bekleidet saunen – verrückt, denkt man an die FKK.
      Ganz so prüde wie in den USA geht es hier nicht zu und die beiden Prüdereien sind, denke ich, unterschiedlich begründet. Wobei es hier eher darum geht, das Besondere eines jeden Körpers zu „schützen“, tritt in den USA doch vielleicht eher eine christlich-protestantische Moral zu Tage (?).

      • Kleine Korrektur: Unter „ehemaliger Osten“ meinte ich als Schweizerin nicht die Neuen Bundesländer, sondern beispielsweise Slowakien und Tschechien, die wir letzten Sommer bereist haben. Reisebericht dazu finden sich übrigens in meinem Blog.

  5. Der Hammam kommt aus Nordafrika; und ich vermute, daher stammt auch dieser Prüderie-Rest.
    Aber es hängen hier weniger Damenstrings in den Supermärkten – dafür findet man Herrenstrings. Honni soit qui mal y pense.

    Im dieswöchigen „Karambolage“ war übrigens ein Beitrag über Hammam.
    Auf arte.tv kann man es, glaube ich, noch sehen.

  6. Der islamische Hintergrund der Hammams mag natürlich seinen Teil zum Wegwerfstring beitragen – allerdings wird in Frankreich auch nicht nackt gesaunt… Und übrigens machen sich nicht nur die Schweden in ihrer Saune nackig, sondern auch die Türken im türkischen Dampfbad…
    Herrenstrings: ein Schritt in Richtung Gleichstellung auf allen Ebenen?

    Danke für den Karambolage-Tipp, die Sendung habe ich gerade leider nicht gefunden, aber ich sehe morgen noch mal nach, wenn ich ausgeschlafen bin.

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