De la guerre

Der Zweite Weltkrieg ist ein heikles Thema.

Zumindest empfinde ich das manchmal als Deutsche in Frankreich so. Eigentlich ist das wahrscheinlich unbegründet, denn für meine Mitmenschen bin ich einfach Lisette oder bestimmt auch Lisette, die Deutsche, aber wohl kaum Lisette, die Enkelin der Kriegsgeneration, die hier einmarschiert ist. Und auch ganz allgemein gehen die Vorurteile gegenüber Deutschen meiner Erfahrung nach hier eher in die Richtung: zuverlässig, ordentlich und pünktlich (und nicht antisemitisch o.ä.). Nebenbei bemerkt sind diese Vorbehalte vielleicht nicht besonders sexy, aber immerhin hilft das so bei der Wohnungs- und Arbeitssuche.

Auf dem Land mag das vielleicht noch anders aussehen. 2004 unterrichtete ich ein paar Wochen lang Deutsch im Süden Frankreichs an einem Lycée. Mehrere meiner Schüler lernten unsere Sprache, ohne dass es der Großvater wissen durfte, da er sich dagegen ausgesprochen hatte. Und ich kann das verstehen. Oder sagen wir so: Ich möchte mir nicht anmaßen, darüber zu urteilen, wie jemand fühlt, der den Krieg erlebt hat. Denn mir blieb das ja zum Glück erspart.

Vor genau einem Jahr waren der Italiener und ich in Südostasien und reisten durch mehrere Länder dort – und haben eine ganz gegenteilige Erfahrung gemacht, die mich umso mehr beeindruckt hat. Irgendwann gegen Ende unserer Reise saßen wir in einem kleinen nordvietnamesischen Dorf neben der Grenze zu Laos fest, da dort Neujahr gefeiert wurde und der geplante Bus nicht fuhr. Das Dorf bestand aus einer Straße, einem heruntergekommenen Hotel und den wenigen Hütten (anders kann man das leider nicht nennen) der Einwohner. Internet oder Telefon nicht vorhanden.
Auf den Bergen ringsum klafften die Narben, die auch noch in Jahrzehnten zu sehen sein werden, da das dort niedergegangene Napalm die Erde vergiftet hat.
Abends gingen wir zu der Neujahrsfeier der Dorfbewohner und wurden mit großem Hurra empfangen. Sie ließen uns ihre Instrumente spielen, tanzten mit uns (und lachten uns dafür aus), schenkten uns Bonbons und flößten uns irgendeinen klaren Alkohol aus Colaflaschen ein. Für sie hätten wir natürlich genauso gut auch Amerikaner sein können. Von Vorbehalten oder gar Hass, den wir gut hätten nachvollziehen können, keine Spur.

Ein leider etwas dunkles Bild von jenem Abend.

Noch eine Anmerkung zu dieser Thematik: Es ist wichtig, der französischen Résistance, und dem Mut dieser Frauen und Männer und ihrer Opfer zu gedenken. Jede Gedenktafel, die dafür hier in den Straßen von Paris aufgehängt ist, muss dort sein. Aber wenn ich jetzt mal ganz ehrlich bin (wir sind ja schließlich unter uns): Als ich zum ersten Mal eine dieser Tafeln sah, die der deportierten, jüdischen Kinder gedachte und auf der zudem geschrieben stand, dass diese Kinder allein auf Initiative der französischen Miliz in die Lager geschafft wurden – ja, ich muss sagen, da spürte ich eine Art von Genugtuung. Nicht, um die Verantwortung, die ich als Deutsche für diesen Krieg empfinde (auch wenn selbst meine Eltern erst nach 45 geboren sind), abzustreiten. Sondern weil ich es teilweise als befremdlich empfinde, wie Frankreich mit seiner historischen Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg (Stichwort Vichy-Regime) umgeht – davon hört man nämlich nicht viel. Genauso befremdlich empfinde ich es übrigens, dass erst 1999 der Algerien-Krieg in Frankreich als solcher bezeichnet werden durfte.

Das nächste Mal melde ich mich wieder mit leichteren Themen, versprochen.

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10 Gedanken zu „De la guerre

  1. Ja, ja, die Franzosen und die Résistance und die Franzosen und die Grande Nation … ich denke, das sind schwere Themen für Frankreich. Noch (lange) nicht bearbeitet. Aber auch das wird sich geben.
    Ich selbst habe übrigens auch nie schlechte Erfahrungen in Frankreich gemacht, auch wenn ich da nie gewohnt habe, sondern nur als Packpackerin rumgreist bin. In den USA bin ich dagegen schon mal angemacht worden deswegen, wobei die sich ja eigentlich auch nicht so weit aus dem Fenster hängen dürfen mit ihrer Apartheid.
    Ich finde es sehr wichtig, nicht zu vergessen, was so ein Irrer wie Hitler (und sein Gefolge) angerichtet haben und andere Irre anrichten können. Und als Deutsche haben wir eine besondere Verantwortung. Aber solche Irre gibt es eben nicht nur in Deutschland.

  2. Jaja, die Grande Nation und ihre Neigung, sich auf Seiten der Sieger (oder wirtschaftlichen Interessen) zu stellen… die Linie könnte man bis heute ziehen Stichwort Tunesien z.B….
    Und ich musste mich durchaus schon rechtfertigen, warum ich eine deutsche Fahne am Balkon hängen habe (es war Fussball-WM), glücklicherweise hat der Lieblingsfranzose für mich geantwortet :)
    Liebe Grüsse
    Rina

    • Nach dem, was mir gesagt wurde, darf man in Frankreich ausländische Nationalflaggen nur zeigen, wenn die Tricolore ebenfalls gezeigt wird, und das auch mindestens in der gleichen Größe…

      • @Wolfram- Ehrlich? Müsste ich glatt mal nachforschen, überraschen würde es mich nicht… Lustigerweise hing anfangs die Tricolore daneben, bis der Lieblingsfranzose der Meinung war, das diese Mannschaft es nicht verdienen würde :)

  3. Also ich würde Sohn Nr. 2 ja auch Raymond nennen, nur ist der Lieblingsfranzose damit absolut nicht einverstanden :)) Er meint, dass wäre eine Strafe fürs Kind…

  4. In Südostasien ist die Erinnerung (oder vermeintliche Erinnerung…) an die Kolonialmacht Frankreich wesentlich stärker als die an den amerikanischen Krieg.

    Als ich hierher kam, war mir schon ein wenig mulmig. Die Stadt ist 1944 beim Abzug der Wehrmacht zu 70% dem Erdboden gleichgemacht worden, mit Ausnahme der ev. Kirche… aber ich habe nie Ressentiments zu hören bekommen. Dafür ist man den Elsässern immer noch nicht grün, die irgendwann im 18. Jahrhundert mal Lothringer in einem Hinterhalt abgeschlachtet haben… Allerdings weiß ich von einer Frau, die 1945 aus Schlesien hierherkam mit ihrem frisch angetrauten Ehemann, und jede ihrer Fehlgeburten kommentierte der Schwiegervater mit „un boche de moins“.

    Vichy und Petain werden aktuell (vor zwei Monaten?) im Fernsehen abgehandelt, auch die Säuberungen im Elsaß nach Kriegsende (am Struthof war 1945 noch lange nicht Schluß… aber davon redet man ja nicht…). Indochina und Nordafrika sind Themen, die mir bei meinen Besuchen immer wieder begegnen, weil die damaligen Kriegsteilnehmer jetzt im Alter sind, wo sie „meine Kundschaft werden“. Aber der discours officiel zum 11.11.2009 hätte auch direkt von Clémenceau stammen können; die einzige Wohltat war, daß der Fallschirmspringerreservistenverband sich für den Frieden und die Völkerfreundschaft aussprach.

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