Dans la rue

Die Franzosen lieben die Straße.
(Das sieht jetzt nicht so schön aus – einen großartigen Artikel auf einem hinreißendem Blog über das heiß geliebte wie maßlos umstrittene Scharf-S und dessen Großschreibung könnt ihr hier lesen.

Also nochmal von vorn ohne Kapitälchen: Die Franzosen lieben die Straße.)

Vor allem, um ihrem Ärger Luft zu machen, dann versammeln sie sich dort zu Tausenden. Ein bisschen neidisch kann man da schon werden. Als an meiner ehemaligen Universität die Studiengebühren eingeführt werden sollten, gingen wir auch auf die Straße. In der traditionellen Studentenstadt leben zu diesem Zeitpunkt rund 40.000 von ihnen. An jenem Sommertag fanden sich zum Protest rund 120 Studierende ein… Und das sind nebenbei bemerkt um einiges weniger Studenten als es Bewerber auf so manches Seminar gab, das normalerweise für maximal 30 Studierende ausgerichtet ist (das Bild langer Schlangen vor den Büros zur Seminar-Anmeldung blieb übrigens auch nach Einführung der Gebühren das gleiche).

Hier in Paris sieht das ganz anders aus. Gestern zum Beispiel, da hörten wir das Hupen und Skandieren bis rauf in unseren 7. Stock. Der Anlass war diesmal ein freudiger – Ben Ali hat sein Land verlassen. Als pflichtbewusste Bloggerin steckte ich die Kamera ein und machte mich auf zur nahegelegenen Place de la République (na gut, der gerade begonnene Winterschlussverkauf könnte auch eine motivierende Rolle gespielt haben, das Haus zu verlassen). Vergessen hatte ich dabei, dass ich mich immer noch von der hiesigen, grimmig dreinschauenden Polizei und ihren Schlagstöcken und vor allem von großen Menschenmassen einschüchtern lasse. Das mit den Photos ist also leider nichts geworden (das mit dem WSS schon eher, ich bin eine schlechte Bloggerin).

Ich würde mir wünschen, dass der 2010 neu entdeckte, deutsche „Wutbürger“ sich ein wenig seinen linksrheinischen Nachbarn zum Vorbild nimmt – und sich vielleicht nicht nur gegen Bahnhöfe, sondern auch ganz andere politische Unbill zur Wehr setzt. Jens Bertrams, ein wunderbarer Blogger, der das viel besser analysieren kann als ich, hat das hier von einiger Zeit getan.
Sicher, es ist nervig, wenn in einem Jahr die Metro zum x-ten Mal streikt. Oder die Müllabfuhr und die Flugsicherung. Und manchmal ist es auch für Nicht-Franzosen nicht ganz nachvollziehbar. Rente mit 62 – ja, das wäre schön!, möchte man da als Deutsche ausrufen. Für die Vertreter von liberté, égalité et fraternité bleibt die Erhöhung des Rentenalters ein rotes Tuch, die Proteste haben vor allem die benzinlosen Autofahrer wochenlang zu spüren bekommen (eine kleine Anmerkung am Rande: Autos haben wir hier keine brennen sehen und von chaotischen Zuständen kann auch nicht die Rede sein).

Aber dennoch: es darf einfach nicht angehen, dass eine Partei ein Video veröffentlicht, das neben einer eher peinlichen Botschaft gegen den politischen Gegner auch die Unverschämtheit besitzt, sich ganz öffentlich über solche lustig zu machen, die ihre Meinung auf der Straße kundtun.
Wenn dann noch der Verantwortliche dieses Videos, ganz der Marketing-Fachmann, stolz darauf ist, dass sein Machwerk soundsooft geklickt wurde, dann stimmt da doch etwas nicht mit der deutschen Politik. Und mit dem Wutbürger vielleicht auch nicht.

Das ist übrigens das einzige, traurige Bild, das ich gestern abseits des großen Trubels aufgenommen habe.
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s